Roger Grafs «Tödliche Gewissheit» - ein explosiver Fall für Philip Maloney
gew. Seit 1989 treibt er unentwegt am Sonntagvormittag am Schweizer Radio sein Unwesen, doch bereits im vergangenen Jahr ist er erstmals in die literarische Krimiwelt vorgestossen: Die Rede ist von Philip Maloney. Auf dem Weg vom pointenschleudernden Radioschnüffler zum Protagonisten eines Romans hat der rauhbeinige Privatdetektiv einige nicht unwesentliche Veränderungen durchgemacht. Autor Roger Graf findet zwar nach wie vor sichtlich Spass daran, das Genre der amerikanischen Hardboiled-Krimis spielerisch zu imitieren bzw. zu parodieren, einige allzu simple Elemente dieses machistischen Schemas hat er im neuen Roman "Philip Maloney. Tödliche Gewissheit» jedoch abgeschwächt oder ganz weggelassen. Aber keine Angst, im Grunde ist Maloney immer noch der alte. Er schläft nach wie vor unter dem Schreibtisch, Whisky weckt weiterhin seine Lebensgeister am nachhaltigsten, und Schlagfertigkeit ist und bleibt seine stärkste Waffe im Kampf gegen das Verbrechen. Verändert wurde aber beispielsweise das Frauenbild, welches sich von Maloneys «Vaterfigur>> Philip Marlowe inspiriert, auf geradezu bedenkliche Arte und Weise ausgebildet hatte - mit anderen Worten, der Schweizer Privatdetektiv wird weder von dümmlichen Blondinen umschwirrt, noch fallen sämtliche Frauen bei seinem Anblick in schmachtende Ekstase.
Dafür stellt Roger Graf Maloney (wie bereits in seinem ersten Roman) eine Detektivin zur Seite die ihm nicht nur an Energie und Ausdauer überlegen ist, sondern welche auch als Computerspezialistin, Motorradfahrerin und Biertrinkerin eine Reihe sogenannt typisch männlicher Eigenschaften auf sich vereinigt. In ihrer Gegensätzlichkeit ergänzen sich die beiden prächtig. Jasmin Weber, so der Name der Kollegin, recherchiert per Datenautobahn und wirkt seriös genug, dass auch verängstigte und skeptische Menschen ihr vertrauen, Maloney wiederum kann mit guten Beziehungen zur Polizei aufwarten und schreckt auch vor illegalen Aktionen nicht zurück. Zwei unabhängige Aufträge trudeln in die beiden nachbarschaftlichen Detekteien ein: ein obskurer Fall von Selbstmord und die bereits Jahre zurückliegende Geschichte vom Verschwinden eines kleinen Jungen. Doch was so unterschiedlich beginnt, erweist sich nach und nach als ein und dieselbe Angelegenheit, spätestens dann, wenn sich der vermeintliche Selbstmörder - als untergetauchter spürnasiger Berufskollege entpuppt, welcher seinerzeit nicht nur im Umfeld des vermissten Jungen ermittelt hat, sondern kurz darauf bei einem Autounfall ums Leben gekommen sein soll. Dabei stossen der schwerfällige Maloney und seine vergleichsweise hyperaktive Kollegin auf eine Reihe dubioser Zusammenhänge, denen sie - unter zeitweiligem lautem Murren des männlichen Protagonisten - in einem möglicherweise symbolisch-kalten Zürcher Winter (das Thermometer fällt auf unter minus 20 Grad) gnadenlos und unbeirrt nachgehen. Dabei kommen sie tatsächlich dem pädophilen Mörder des vermissten Jungen auf die Spur, sehen sich aber gleichzeitig in eine nationale Verschwörung verstrickt, die nicht nur ihr Leben, sondern das gesamte politische System der Schweiz bedroht.
Roger Graf spinnt seine Fäden mit grosser Sorgfalt und Präzision. Jede Fährte, jede neue Figur bringt ein neues Teilchen ins lange völlig unzusammenhängend scheinende Puzzlespiel, ein Teilchen, das exakt passt und trotzdem keinen gesicherten Rückschluss auf das Gesamtbild zulässt. Geschickt wird so die Spannung geschürt und eine Erwartungshaltung aufgebaut, die auf mehr als nur die simple Lösung eines Kriminalfalles zielt. Und die Leser(innen) werden nicht enttäuscht. Wenn am Ende eine gewaltige Explosion die Bundeshauptstadt Bern erschüttert, wird für kurze Zeit die schreckliche Wahrheit sichtbar, bevor sie im Rahmen einer politischen Vertuschungsaktion zum Erhalt einer nationalen weissen Weste im Nebel bundespolitischer Verlautbarungen verschwindet. Der einzige Schwachpunkt von Roger Grafs süffiger Prosa liegt in den szenischen Darstellungen. Wenn sich die Dialoge vom pointiert-selbstironischen Duktus des Philip Maloney entfernen, wenn etwa eine neue Figur eingeführt wird -, verliert die direkte Wiedergabe der Rede häufig an Natürlichkeit und Spontaneität. Das Lesevergnügen wird dadurch jedoch nur ganz unwesentlich beeinträchtigt. Mit «Tödliche Gewissheit) ist Roger Graf der Sprung vom kurzen, radiophonen Typenkrimi zum spannungsgeladenen Kriminalroman endgültig geglückt. Dass die Handlung desselben (und vor allem in Zürich) spielt, wirkt weder forciert noch anbiedernd, sondern ist einfach ein durchaus prägendes Detail - das übrigens auch in der Umschlaggestaltung Niederschlag gefunden hat (ein blutiges Militärmesser auf schwarzem Grund). Pflichtlektüre für Fans des analytische Krimis. Roger Graf: Philip Maloney. Tödliche Gewissheit Haffmanns-Verlag, Zürich 1995. 237 Seiten
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Roger Graf: Tödliche Gewissheit DAS AKTUELLE BUCH Sarkastisch Nomen est omen: Wenn der Privatdetektiv Maloney heißt, dann kann er ruhig in Zürich ermitteln und wird trotzdem die Welt mit den Augen eines versoffenen New Yorkers irischer Abstammung betrachten. Philip Maloney also schnüffelt in der Stadt des seriösen Geldes nach den Hintergründen eines Selbstmordes der offenbar keiner war. Außerdem soll er eine lange zurückliegende Serie von Kindermorden aufklären, deren Akten voreilig geschlossen wurden. Die ganze Angelegenheit ist reichlich mysteriös, das Wetter so trüb wie die Aussichten auf einen Erfolg. Mit seinen sarkastischen Scherzen macht Maloney sich nicht besonders viele Freunde. Dafür gibt es eine gigantische Verschwörung, die er schließlich aufdeckt. Autor Roger Graf hat die Figur Maloney einst für eine Hörspielreihe entworfen. Das ist den Romanen noch anzumerken: Dialoge sind das tragende Gerüst der Geschichte. Und diese Dialoge haben eine Qualität, von der sich viele andere Schriftsteller eine, nein: lieber zwei Scheiben abschneiden sollten. sob.