Mordstrudel in Chicago und Tiefseetauchen in der Seele (sfd/ase) Roger Grafs neuer Krimi "Kurzer Abgang" ist eine Überraschung: Aus einem handelsüblichen "Whodunit" entwickelt sich eine Charakterstudie mit grausigem Ende.
Von Irene Widmer
Ein Journalist gerät durch eine Beförderung in eine Krise. Aus Angst, der Herausforderung nicht gewachsen zu sein, schmeisst seinen Job hin und macht Urlaub in Chicago. Als er zurückkommt, gerät er in einen Mordstrudel. Der Anlass ist gering: Die Polizei enthüllt ihm, dass das Mordopfer Sue Molina ihren letzten Anruf auf seine Nummer gemacht hat. Der Journalist und die tote Fotografin haben sich kaum gekannt, haben einzig vor einem Jahr zwei Nächte gemeinsam verbracht. Die Tote hat auf dem Beantworter auch keine Nachricht hinterlassen und der Journalist gerät nicht unter Verdacht. Dennoch wächst sich die Frage nach dem Grund für den Anruf für den Ich-Erzähler zur regelrechten Obsession aus. Tiefseetauchen in der Seele Er spürt der Sache nach, versucht den letzten Lebenstag der Toten zu rekonstruieren, sich möglichst tief in sie hineinzufühlen. Um leichter in den Charakter der temperamentvollen, aber einzelgängerischen Künstlerin hineinzukommen, säuft er sich die bürgerliche Nüchternheit weg. Er verkommt und vereinsamt immer mehr, doch der Mantel der fremden Persönlichkeit passt ihm nicht. Schliesslich realisiert er, dass das auch gar nicht notwendig ist. Die Logik einer Gewalttat liegt nicht im Opfer, sondern im Täter. Also begibt er sich in die Finsternis der Killerpsyche. Am Schluss wird dem Leser ein Mörder präsentiert - aber nicht der gesuchte. Und der Journalist hat seinen begonnenen Ausstieg abgebrochen und den umgekehrten Weg ins Spiessertum eingeschlagen. Seine Reise in den wildesten, grausamsten aller menschlicher Abgründe erscheint im Nachhinein wie ein langer Polterabend: Als hätte er sich gleichsam noch ein letztes Mal austoben wollen.
Um das Unerhörte dieser Banalität zu verstehen muss man das Buch lesen. In Whiskey veritas Roger Graf, neben Peter Zeindler der einzige Schweizer Krimiautor von internationalem Format, ist mit der Hörspielserie rund um den schnoddrigen Marlow-Verschnitt Philip Maloney bekanntgeworden. Seither hat er sich mit jedem Roman literarisch verfeinert. In "Kurzer Abgang" nun fehlt alles, was noch in den Biondi-Romanen "Zürich bei Nacht" und "Tanz an der Limmat" gestört hat: keine saloppen Gassenausdrücke mehr, keine windschiefen Metaphern, keine bemühten Einfälle. Stattdessen eine Novelle nach fast allen Regeln der Kunst. Erstes und letztes Kapitel sind mit der Whiskeymarke "Lagavulin" überschrieben und zeigen den Erzähler in seiner Wohnung, wo er sich die Geschehnisse einiger Tage von der Seele schreibt und schliesslich wieder von der Festplatte löscht. Mit Whiskeynamen sind auch die übrigen Kapitel überschrieben: Geschichte und Geschmackscharakter der jeweiligen Marke umreissen die Atmosphäre des Erzählten. Das ist viel mehr als eine hübsche Idee, denn der Alkohol, so glaubt der Ich-Erzähler, ist gleichsam das Vehikel, das ihn zum Instinkt führt. Um das Rätsel zu lösen, muss er sich gehenlassen. Der Spiesser und die Wilde
Das verweist auf ein Motiv, das Graf schon wiederholt variiert, aber noch nie so profund wie hier ausgelotet hat: Die Faszination, die ordnungsliebende Männer für wilde Frauen empfinden. Es ist das alte literarische Thema von Bürger kontra Künstler, Konformität kontra Lebensuntüchtigkeit, Schauspiel kontra Echtheit. Graf exerziert die Dualität in "Kurzer Abgang" nicht nur im Hauptstrang durch, sondern auch in zahlreichen, anektotisch anmutenden Nebenhandlungen. Das wirkt weder gesucht noch zusammengestückelt, denn die kleinen Exkurse bündeln sich wiederum zu Themen, die den Ich-Erzähler belagern: Beispielsweise Journalisten und ihre Macken, Orte und ihre Seele, One-night-stands und natürlich immer wieder die Krücke Alkohol. Und das alles fügt sich zum Charakterbild eines Menschen, der trotz der Ungeheuerlichkeit seiner Tat glaubhaft ist.
Roger Graf, Kurzer Abgang
Wohl kaum ein richtiger Krimi. Kein Blut, keine Tatverdächtigen und das Opfer eher unauffällig. Roger Grafs Roman "Kurzer Abgang" besticht durch seine Ungewöhnlichkeit. Sein Protagonist, ein schweizer Journalist, kehrt aus dem Urlaub heim, hört den Anrufbeantworter ab und ist mitten in einen Mordfall verwickelt. Gefundenes Fressen für einen mittelmäßigen Schreiberling - denkste. Die Tote, eine ehemalige Geliebte des Zeitungsmenschen, wählte als letztes seine Telefonnummer, bevor sie starb. Aber nicht die Sensationsstory wartet auf den Leser, nein die fette Lebenskrise des Schreiberlings weitet sich aus. Obwohl das Opfer nur seine Gespielin für einige Zeit war, sucht er in der Aufklärung der Tat einen Lebenssinn und recherchiert. Von Ängsten geplagt, peinigt sich der Mittdreißiger mit der Vorstellung, die Schuld auf sich laden zu müssen. Der letzte Anruf seiner Geliebten wird zur Obsession eines Whiskeytrinkers, der die Tage trinkend und grübelnd verbringt, dabei unaufhörlich in den Abgrund zu blicken beginnt. Graf, bekannt durch die Fälle seines Romanhelden Philip Maloney, gelingt mit diesem einfühlsamen Krimi ein Sprung auf die andere Seite, auf die Seite der Trauernden. Ein einsamer, beziehungsunfähiger Single, im Job als kleiner Redakteur unzufrieden, sieht durch die Verwicklung in diesem tragischen Todesfall die Chance seinem Leben den längst fälligen Aufbruch in eine bessere Zeit zu verschaffen. Kann er die Kehrtwende in eine bessere Zukunft vollziehen oder driftet er durch seine Wahnvorstellungen in die Mörderrolle ab? Geniale Idee, Herr Graf!
James Scheu - lit4u Scherz Verlag, 196 S., 12.90 DM.