In der Nacht sind alle Städte grau: farblos, wenn die Einsamkeit den Strassen entlangdämmert und der Weg zur nächsten Bar weit, der Frühlingswind kalt ist. In der Erinnerung aber erscheinen die Städte zuweilen blau: durchzuckt vom Neonlicht der Jukeboxes und Reklameschilder in warmer Nacht, durchweht von den Nachwirkungen des Alkohols, der das strapazierte Gehirn mit wohligen Nebelschleiern umfängt. Das sind die Eckpunkte, entlang derer sich die Handlung von Roger Grafs jüngstem Roman, «Zürich bei Nacht», in eleganten Kurven von Kapitel zu Kapitel windet: Zwischen der Dimension des Grauen und des Blauen, Gegenwart und Vergangenheit, zwischen farbloser Leere und bunter Fülle spielt sich diese eigentümliche Detektivgeschichte wider Willen ab die ihren Protagonisten in soghaftem Slow-Motion-Tempo durch das Zürich der bewegten achtziger und der desorientierten neunziger Jahre treibt. Grafs erster Text seit dem letztjährigen Philip-Maloney-Krimi «Tödliche Gewissheit» und den auf Radio DRS 3 unaufhörlich ausgestrahlten Maloney-Hörspielen kommt sehr stimmungsvoll und abgerundet daher - auch wenn die Dialoge zu Beginn noch etwas arg der schnoddrigen Skurrilität jenes Privatdetektivs verfallen sind. Nach den ersten fünfzig Seiten jedoch ebben diese stilistischen Nachwehen ab. Eine atmosphärisch dichte, prall erzählte Geschichte steuert uns, durch am Ende der Kapitel jeweils pointiert gesetzte «Cliffhanger»-Effekte, in konzentrischen Spannungsbögen durch die fast 300 Seiten. Es gibt in «Zürich bei Nacht» aber nicht nur stilistische Reminiszenzen an Grafs Texte aus der Maloney-Reihe, auch die leicht melancholisch gezeichneten «Lonely-wolf»-Streunereien der Hauptfigur Marco Biondi erinnern an die unwahrscheinlichen Fälle des Philip Maloney, wenn er am Sonntagmorgen jeweils struppig, mit Dreitagebart und Whiskyglas in der Hand durch den Transistor an unseren Frühstückstisch kriecht und seine wortkargen Duelle mit sämtlichen Klischees der «Pulp-fiction»-Klasse liefert. Marco Biondi, ehemaliger Journalist und Verfasser schlechter Drehbücher für Fernsehserien, ist zwar kein Privatdetektiv, aber er übernimmt Recherchearbeiten jeder Art und erhält so eines Tages den Auftrag, nach einer verschwundenen Person zu suchen. Was als unspektakuläre Nachmittagsspielerei beginnt, stellt sich im Laufe der Ermittlungen als grausamer Mordfall heraus. Und was sich als gewöhnliches Romansetting anlässt, wird bald schon zu einem typischen Fall für das Genre. Denn beim Wühlen im Müll fremder Erinnerungen wird Biondi immer wieder auf die eigene Vergangenheit zurückgeworfen, die ihn ins Zürich der achtziger Jahre führt, ins Zürich der Jugendkrawalle, der AJZ-Bewegung und der mit Molotowcocktails verteidigten Idealismen von einer besseren, entkapitalisierten Gesellschaft: Die existentialistische Logik der Serie-noire-Krimis, deren Fahndungsebene immer wieder von Fragen nach der Identität des forschenden Ich eingeholt wird, schlägt in Grafs Roman voll durch. Biondis Aufklärung des mysteriösen Mordes wird so zu einer Spurensicherung seiner eigenen Vergangenheit; die Suche nach den Tätern entpuppt sich, Chandler lass nach, als Suche nach dem eigenen Selbst in den Trümmern einer längst vergessen geglaubten Biographie. Mit präzisen psychologischen Pinselstrichen führt Graf durch seinen ganz alltäglichen Zürcher Mordfall, knüpft Handlungsstränge an, die er wieder fallenlässt, aufnimmt, weiterführt, um sie schliesslich zu einem immer dichter werdenden Gewebe von Gedanken und Geschehnissen zu vernetzen. «Zürich bei Nacht» ist ein Buch voll melancholischer Leichtigkeit und ein wundervoll unkriminalistischer Kriminalroman. Alexandra Stäheli. Basler Zeitung, 10. August 1996
Zürcher Depressives
Zürich. Gegenwart. Marco Biondi heisst der neue Detektiv des Krimiautors Roger Graf. Nachfolger seiner Erfolgsfigur Philip Maloney ("Tödliche Gewissheit"), die vor allem sonntags im Radio DRS3 ermittelte und deren coole Sprüche im Chandler-Stil Roger Graf berühmt machten.
Zürich bei Nacht ist Biondis erster Fall. Er macht sich für eine junge Frau auf die Suche nach ihrem Bruder, der nach einem Arbeitsunfall zum Alkoholiker wurde und nun die meiste Zeit mit seiner Heroinsüchtigen Freundin auf der Gasse lebt. Eigentlich ist Marco Biondi Drehbuchautor; den Detektiv-Job hat er sich sozusagen als therapeutische Zusatzbeschäftigung verordnet. Die Nachorschungen sollen ihn dazu zwingen, fremden Menschen zu begegnen, was ihm angesichts der Depressionsdämonen, die in seinem Inneren ständig auf der Lauer liegen, nicht leicht fällt.Mit fast vierzig Jahren ist Biondi ein alteingesessener Zürcher, der Verbindungen und Zugang zu den meisten Kreisen hat und damit über das notwendige Wissen verfügt, um die Ermittlung erfolgreich zu Ende zu bringen. Schon bald stösst Biondi auf einen Hinweis, der den Vermissten unzweifelhaft mit seinem früheren Leben in Beziehung setzt. Ihm wird klar, dass er den Fall nur dann wird lösen können, wenn er sich noch einmal seiner ungeliebten Vergangenheit aussetzt: den Jahren der Zürich-Krawalle, einer Jugendbewegung, der er sich nie richtig zugehörig fühlte.
Der Titel des Romans erinnert an einen Film von Clemens Klopfenstein und Remo Legnazzi, der Anfang der achtziger Jahre für Furore sorgte und 1982 den Max-Ophüls-Preis gewann: "E Nachtlang Füürland", ein Film über die Zürich-Krawalle, eine Dokumentation des Unglaublichen, der Revolte der sattesten Jugend der Welt.
So wird der Zug durch die aktuelle Zürcher Szene für Biondi zum Abstieg in die Katakomben der eigenen Vergangenheit, in denen im wörtlichen und im übertragenenen Sinne noch einige Leichen vergraben liegen. Die unfreiwillige Begegnung mit dem abgelegten Vorleben in Form von sogenannten Freunden, flüchtigen Bekannten und vor allem seiner grossen Jugendliebe wird zu einem Prozess der qualvollen Aufklärung. Nicht nur der Verbrechen, die sich während dieser Suche ereignen.
Zürich bei Nacht ist ein sehr dialogorienter Krimi. Er ist aus der Perspektive Biondis geschrieben, und die Passagen zwischen den Dialogen zeugen von einem ausgereiften und überdurchschnittlichen erzählerischem Talent, von dem man noch viel erwarten darf. Zürich bei Nacht ist einer der besten deutschsprachigen Krimis, die in den vergangenen Monaten erschienen sind. Klaus Schmitz-Fränkische Zeitung, 27. Dezember 1996
Biondis seltsames Hobby
Zürich bei Nacht" - Ein Kriminalroman von Roger Graf
Martin Boxler war ein eigenartiger Mensch. Seit seinem Unfall hat er nie wieder Fuß fassen können im Leben, war wochenlang ein ganz normaler Bürger, verschwand für weitere Wochen von der Bildfläche, trieb sich bei ãPennern" herum. Eines Tages aber kam er nicht wieder.
Seine Schwester Katharina machte sich Sorgen. Mit Recht, wie sich später herausstellte, denn Martin Boxler war nicht weg, sondern inzwischen auch tot. In ihrer Not wandte sich Katharina an Marco Biondi.
Und der ist auch irgendwie eigenartig. Statt sich in seiner Freizeit auszuruhen und sich nette Hobbys zuzulegen, sucht er verschwundene Menschen und Mörder. Als Ausgleich zu seiner Arbeit braucht er das, sagt der Drehbuchautor. Quasi als Pendant zu den mittelmäßigen Büchern fur die mittelmäßigen Fernsehserien die er so fabriziert. Doch dieses Mal ging ihm die Mördersuche dann doch fast zu weit. Sie führte ihn direkt in die eigene Vergangenheit.
''Zürich bei Nacht" heißt der Kriminalroman, in dem Roger Graf seinen Anti-Helden auf den Weg schickt. Denn Marco Biondi ist wahrlich nicht der 007 der Schweiz. Er ist ein Mann, den sein Job leidlich langweilt, ein Mensch, der gern selbstsicher-zynische Züge zur Schau trägt und dabei doch oft genug mit seinen aufwallenden Depressionen zu kämpfen hat.
Roger Graf hat mit seiner Romanfigur Biondi einen Menschen geschaffen, den man schon bald zu kennen und zu verstehen glaubt. Aber Graf laßt noch mehr interessante Leute agieren. Etwa die leicht verrückte Melanie, die ebenso faszinierend wie schwierig ist, oder Linus, den stets erfolgreichen, aber undurchsichtigen Geschaftmann, oder, oder. Graf hat ein ,,Händchen" für seine Figuren und deren ganz eigene Charakterzüge. Und so ist ihm ein Roman gelungen der interessant und spannend ist, den zu lesen es sich durchaus lohnt.
eng - Ostthüringer Zeitung, 10. August 1996
Eine verjährte Beziehung
Zürich ist nicht New York. Und doch hat die eidgenössische Hauptstadt alles zu bieten, was eine Weltstadt ausmacht. Zur Nachtzeit offenbart sie sich schillernd, verrückt und verändert die am Tag gewohnte Atmosphäre. Das weiß auch der Drehbuchschreiber Marco Biondi. Im Zweitjob nimmt er Suchaufträge an und recherchiert noch ohne Erfahrung nach einem verschwundenen Obdachlosen. Als die Polizei den toten Martin Boxler findet, will Biondi herausfinden, wer wohl ein Interesse am Tode des herumstreunenden, kranken Mannes hatte. Er ermittelt in der Drogenszene, unter Dealern, Süchtigen und Prostituierten. Ein Foto im Nachlaß des Toten konfrontiert Biondi mit seiner eigenen Vergangenheit, einer längst verjährten Freundschaft - und einem unaufgeklärten Verbrechen. - Sie waren drei: Christoph Fröhlich, Linus Fischer, Marco Biondo, unzertrennlich in der autonomen Jugendszene und von kreativen Träumen besessen. Das war vor 15 Fahren. Das Foto führt Marco Biondo an die alten Schauplätze, zum Haus, wo Christoph wohnte, der sich aus irgendeinem Grunde isolierte und seinem Leben selbst ein Ende bereitete. Marco begegnet einem Linus mit Small-talk-Lächeln, ganz Karrieremensch und - zweifacher Mörder? Der Züricher Autor Roger Graf verzahnt die psychologische Kriminalgeschichte in einem lebendigen Stadtspaziergang, und der Leser kommt in den Genuß literarischer "Vollkost". Er glaube, so äußerte der Autor in einem Interview, in jeder Figur stecke etwas von ihm, ,,der Roman selbst ist für mich, genauso wie für die Hauptfigur, eine Art Spurensuche". - Roger Graf wird seit dem Erscheinen seines Philip-Maloney-Krimis "Tödliche Gewißheit'' im vergangenen Jahr als Nachfolger Raymond Chandlers gerühmt. Dem kann ohne Übertreibung zugestimmt werden. Annerose Kirchner - Der Zürcher Oberländer, 9. August 1996 & Der Landbote, 12.Oktober 1996
Ermittlungen am Abgrund
Bekannt geworden als Schöpfer des sarkastischen Hörpiel-Krimi-Helden Maloney, geht Roger Graf in seinem Roman «Zürich bei Nacht» neue Wege: Er präsentiert einen melancholisch unterspülten Grossstadtkrimi, einfühlsam inszeniert und ganz raffiniert gestrickt. Marco Biondi ist Anfang dreissig, verdient sich seine Brötchen mit TV-Drehbüchern und betreibt nebenbei private Ermittlungen, um nicht dem Alkohol zu verfallen. Seine grössten Triumphe feiert er als Fussballcoach in einem Computerspiel, während er in seiner detektivischen Erfolgsstatistik lediglich einen wiedergefundenen Hund aufzuweisen hat. Da endlich fällt ihm der erste richtige Fall zu: Er soll einen verschwundenen jungen Penner, Martin Boxler, suchen. Die Recherche führt Biondi zu den Randexistenzen des Wohlstandsfleckens Zürich: Alkoholiker, Junkies, Ausreisser, Hausbesetzer und ausgekochte Schlitzohren. Allmählich puzzlet sich der tragische Charakter des mittlerweile ermordet aufgefundenen Boxler zusammen: Der liebenswürdige Jüngling, durch einen Unfall invalid und arbeitslos geworden, verfällt dem Suff. Er streunt in der Zürcher Unterwelt herum und entdeckt schliesslich ein dunkles Geheimnis mit dem er sein Glück zu machen hofft und das ihn das Leben kostet. In Boxlers «Nachlass» findet Biondi ein altes Foto, auf dem er selber mit zwei Freunden abgebildet ist. Wie hängt er in diesem Fall drin? Die Antwort führt 15 Jahre zurück zu einem grausigen Verbrechen in Biondis Freundeskreis. Überleben auf schmalem Grat Die Figur des Biondi ist Roger Graf ausserordentlich gut gelungen. Er ist einer, der unentwegt gegen depressive Erstarrung ankämpft, nirgends so recht beteiligt ist und seine Freunde nicht wirklich kennt. Biondis Leben scheint aus lauter unausgeführten Projekten zu bestehen: eine halbherzige Beteiligung an der 80er Jugendbewegung - «ich schrie für ein Autonomes Jugendzentrum, obwohl es m ir völlig egal war» - ein geplanter Film « Zürich bei Nacht», zwei Geliebte, die er an lebendigere Männer verliert. Als nichtpraktizierender Alkoholiker trennt ihn wenig von den Abgestürzten. Eine Art Schuldgefühl gegenüber denen, welche die virulente Desillusionierung gar nicht oder nur in den dunkelsten Nischen überlebt haben, treibt ihn um. Biondi ist die folgerichtige Weiterentwicklung von Maloney: einer, der sich nicht mehr mit einem Stacheldraht aus Zynismus schützt. Dieser Ernst unterscheidet «Zürich bei Nacht» wohltuend von vielen handelsüblichen Krimis und macht das Buch zu einem ernstzunehmenden Roman. Solider Suspense Auf solides Suspense-Handwerk müssen Leser und Leserin dennoch nicht verzichten: Falsche Fährten werden gelegt, raffinierte Haken geschlagen, Alarmglocken nur leise angeschlagen und selbst der gewiefte Krimikenner mit der überraschenden Lösung übertölpelt. Die Schauplätze sind überdies zum grössten Teil so realistisch, dass sich das Buch allenfalls sogar als Reiseführer zu den schamhaft verborgenen menschlichen Maulwurfshöhlen der Postkartenstadt nutzen liesse. Irene Widmer - SFD -Bündner Zeitung, 9. August 1996 Zürichsee-Zeitung, 19. Oktober 1996
Roger Graf ohne Maloney
In seinem neusten Kriminalroman verzichtet Roger Graf auf seinen bekannten Serienhelden Philipp Maloney. Dafür führt er uns durch das zwielichtige Milieu einer Stadt, in der, das Genre will's, ab und zu mal eine Leiche angeschwemmt wird. VON HANS JURG ZINSLI Die Vorbemerkung («Dieses Buch ist kein Stadtplan von Zürich») stimmt nur bedingt. Denn «Zürich bei Nacht» ist mehr als nur ein spannend geschriebener und gentechnisch einwandfreier Kriminalroman. Roger Graf zeigt ein urbanes Panorama, das sich vom suchtgebeutelten Kreis Cheib bis hinaus an den Katzensee erstreckt, er lotst den Leser durch legale und illegale Bars und skizziert dabei treffend die Kontraste zwischen besetzten Häusern und gestylten Büros, zwischen Abbruchliegenschaften und Genossenschaftssiedlungen. Was für den Leser eine turbulente Stadtführung ist, bedeutet für den Helden eine Reise in die Vergangenheit. Verschlungene Fährten Marco Biondi heisst der neue Mann in Grafschen Diensten. Er ist von Beruf Drehbuchautor für Fernsehserien und widmet sich nur gelegentlich der Suche nach vermissten Personen. Als er jedoch den Auftrag bekommt, dem verschwundenen Martin Boxler nachzuspüren, stösst er auf allerlei Unerwartetes: Zuerst entdeckt er eine Leiche, dann noch eine, und schliesslich findet er in den Hinterlassenschaften beider eine alte Fotografie, die ihn zusammen mit einem Kameraden zeigt, den er schon lange aus den Augen verloren hat. Der Fotograf, so stellt sich heraus, ist ebenfalls tot. Biondi folgt den verschlungenen Fährten, die ihn bald mit der geballten Zürcher Halb- und Unterwelt konfrontieren, am Ende sogar mit sich selbst. Autobahn des Verderbens «Zürich bei Nacht» gefällt durch einen ausgetüftelten Spannungsbogen, der die 270 Seiten mühelos füllt. Überraschungen und unerwartete Wendungen finden sich darin zuhauf. Und oft fühlt man sich mit dem nicht nur gegen fremde, sondern auch eigene depressive Kräfte kämpfenden Biondi wie auf einer holprigen Landstrasse, die durch Hinweise und Tips (von Nebenpersonen abgegeben) immer mehr zu einer Autobahn des Verderbens anschwillt. Die unvermeidlichen Schnittstellen in der (zu) kleinen Grossstadt Zürich tragen ebenfalls zu einem gefälligen Kleine-Welt-Paradox bei. Argerliche Fussbälle und Parkuhren Dennoch ist die Geschichte an einigen Stellen unerwartet flach geraten. Auf der Suche nach dem gewohnt saloppen Humor versteigt sich Graf mehr als einmal zu etwas ärgerlichen Patzern, besonders dort, wo er sonst am sattelfestesten ist, im Dialog: «Gibst du mir Bescheid, wenn du etwas in 5 Erfahrung bringst? - Muss ich wohl. Sonst werde ich verhaftet und zu einer Parkuhr weiterverarbeitet.» Auch Biondis innere Monologe münden zeitweise in banale Weisheiten und erwecken den Anschein, als seien sie von einer bloss mässig inspirierten Feder ausgeplaudert: «Dabei funktioniert das Leben wie ein Fussballspiel. Wer schön draufhaut und den Ball gedankenlos ins Tor schmettert, hat am Ende immer recht.» Das moralische Finale vermag da wenig zu retten. Wer sich jedoch von der manchmal etwas aufgesetzt wirkenden Kommentierwut nicht beirren lässt, hat mit Biondi einen ganz passablen Knaller im Netz. - Brückenbauer, 24. Juli 1996
Der erste Fall
Roger Graf - erfolgreich mit Philip Maloney - hat einen neuen Roman geschrieben.
Bei seinem ersten richtigen Fall stösst der Gelegenheitsfahnder Marco Biondi auf eine unerwartete Spur. In der kümmerlichen Hinterlassenschaft eines Alkoholikers, dessen Tod er aufklären will, findet er ein altes Foto, auf dem er selbst zusammen mit einem damaligen Freund abgebildet ist. Was hat seine eigene Vergangenheit mit einem rätselhaften Mord zu tun? Der Zürcher Autor Roger Graf überrascht in seinem neuen Kriminalroman nicht nur seine Figuren mit unerwarteten Wendungen, sondern auch seine Leser mit einer neuen Figur. Bekannt geworden ist er mit Philip Maloney, zuerst am Radio, dann auch im Buch. Differenziert In «Zürich bei Nacht» wechselt Graf aber mehr als bloss das Personal. Während Maloney eine ironisch überspitzte Typisierung ist, dessen Dialoge mit Anspielungen und Pointen überfrachtet sind, ist Marco Biondi ein differenziert gezeichneter Mann Anfang Dreissig. Der Protagonist arbeitet als Drehbuchautor beim Fernsehen. Da ihn diese Arbeit nicht ausfüllt, sucht er per Inserat Aufträge für Nachforschungen aller Art. Damit kämpft er gegen die innere Leere und aufkommende Depressionen. Schauplatz des Romans ist, wie bereits der Titel verrät, Zürich. Die Stadt wird realistisch als Ort mit provinziellem Beziehungsgeflecht und den Problemen einer Grossstadt gezeichnet. Die Furcht vor Aids und Alzheimer, Drogenprobleme und soziale Verelendung sind allgegenwärtig. Jugendunruhen Da Marco Biondi durch die Suche nach dem Mörder unfreiwillig mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert wird, wird auch die neuere Geschichte der Limmatstadt aufgerollt. Bei den Jugendunruhen der achtziger Jahre war er noch selbst dabei. Inzwischen haben einige der damaligen Chaoten Karriere gemacht, andere haben resigniert oder sind überhaupt am Leben gescheitert. «Zürich bei Nacht» ist ein spannender, atmosphärisch dichter Krimi. Man wartet gern auf Marco Biondis nächsten Fall. Guido Stefani
Unter den Dächern von Zürich
Der neue Kriminalroman von Roger Graf
Nach siebenjähriger treuer Lebensgemeinschaft hat sich der Autor Roger Graf von seiner allüberall im Lande geliebten Kunstfigur Philip Maloney getrennt. In seinem neuen Kriminalroman,
Depressiver Detektiv
Der trübsinnige Drehbuchautor und Teilzeit-Detektiv Marco Biondi aus Zürich will seine Ruhe haben. Doch eine junge Frau schickt ihn los ihren vermissten Bruder zu finden. Der tauchte in Zürichs Drogenszene ab; Biondi muss in der helvetischen Halbwelt herumstochern, um sein Honorar zu verdienen. Zu sehr gründelt der neue Detektiv des Autors Roger Graf in der eigenen Seele. Trotzdem ist "Zürich bei Nacht" ein spannender Krimi, der in die Zürcher Bewegung der achtziger Jahre zurückführt. sus - CoopZeitung vom 24. Juli 1996
Auf Spurensuche
Roger Graf legt neuen Krimi vor Roger Graf, Vater des Radiodetektivs Philipp Maloney, hat ein weiteres Kind in die Welt gesetzt: Marco Biondi. Er schickt ihn auf eine gehetzte Odyssee durch Zürichs Unterwelt, die in einer Spurensuche in eigener Sache endet. Um es gleich vorwegzwehmen: In Roger Grafs Roman «Zürich bei Nacht» stimmt Zürich. Und das macht Spass. Und auch dies als Vorbemerkung: Marco Bondi, die Hauptfigur, hat wenig bis gar nichts zu tun mit Philipp Maloney, dem berühmten, etwas abgesoffenen DRS3-Radiodetektiv und Sprücheklopfer. Zwar lässt Biondi gelegentlich eine Bemerkung in Maloney-Manier, wie zum Beispiel «Finden kann man jeden, fragt sich nur, wo man suchen muss», fallen. Aber solche Sprüche sind im Roman selten zu finden. Suche in eigener Sache Biondi schlägt sich als Drehbuchautor von Fernsehserien ganz artig und mit Anstand durchs Leben, hat aber im Privaten manche Pleiten hinnehmen müssen.Durchschlagender sind seine Erfolge als Coach einer virtuellen Fussballmannschaft. Nebenher übernimmt Biondi auch Suchaufträge. Zum Beispiel jenen nach dem Vermissten Martin Boxler. Bei diesem handelt es sich um einen Säufer mit liebenswürdigen Zügen, der aber auch ganz schön krunme Touren dreht. Die Suche nach Boxlers Spuren und Effekten führt Biondi auf die Bäckeranlage in Aussersihl, in besetzte Liegenschaften, in eine Genossenschaftssiedlung nach Schwamendingen, in supergestylte Büros von Top-Managern, in Bars (legale und illegale). Kurz- Graf entführt seine Leserinnen und Leser auf eine gehetzte Odyssee durch Zürich, vorab durch Zürichs Halb- und Unterwelt, und trifft dabei die Atmosphäre der einzelnen Schauplätze. Spätestens nachdem Martin Boxler als Leiche aus dem Zürichsee gefischt worden ist, wird klar, dass man in einen Krimi hineingeraten ist. Dessen Protagonisten haben sich im Umfeld der 80er-Unrhen kennengelernt. Biondi ist als Person mit Haut und Haar in diesen Krimi verwickelt : Die Suche nach Troxler mündet für ihn in eine Aufarbeitung -der eigenen Vergangenheit. Falsche Fährten Roger Graf schreibt chronologisch, tagebuchartig, immer schön der Reihe nach. Dabei narrt er seine Leser (und Biondi) gelegentlich gewaltig, indem er seitenlang falsche Fährten legt. In den häufigen Dialogen und inneren Monologen treten Grafs Qualitäten als Hörspielautor hervor. Auf der Suche nach Troxlers Spuren trifft Biondi ein ganzes Arsenal von Personen. Viele von ihnen sind nicht mehr als Statisten, Stichwortlieferanten, bleiben farblos und werden im Verlaufe des Romans recht lieblos fallengelassen. Dafür widmet sich Graf um so ausgiebiger der inneren Befindlichkeit Biondis, der zu alledem ein recht kommentierwütiger Zeitgenosse ist, was gelegentlich auch nerven kann. Christian Weber - TAGBLATT DER STADT ZURICH- 18. Juli 1996
Zürich bei Nacht
Liebeserklärung
Marco Biondi heisst der Typ, der so als eine Mischung zwischen Privatdetektiv und Drehbuchschreiber sich durch die Hinterhöfe, Gassen und Bars von Zürich schleppt Auf der Suche nach einem Martin Boxler, einem Alkoholiker, der auf der Gasse lebt und verschwunden ist, logischerweise unfreiwillig, sonst wär's ja kein Krimi. Zürich bei Nacht ist als Krimi im übrigen nicht sensationell spannend, aber - damit dem Autor nicht unrecht getan wird - handwerklich sehr sauber, logisch und leicht nachvollziehbar. Die Leserinnen wissen immer genausoviel wie Marco als Ich-Erzähler, der auch keine Zeitsprünge einbaut, sondern simpel einen Fall vom Moment des Auftrages bis zur Beendigung schildert. Die erste Faszination beginnt mit Marco Biondi: ein Typ, der so gegen die 40 geht, seit mindestens 20 Jahren in Zürich lebt, unter Depressionen leidet, aber gelernt hat, mit ihnen umzugehen. Ein Typ, wie er früher in amerikanischen Krimis häufig war; selber ein bisschen kaputt, mit guten Drähten zu Randgruppen bis kleiner Unterwelt, der bei den Frauen eigentlich gut ankommt, aber allein lebt und auch meistens alleine schläft, mit Alkoholproblemen kämpft und wenig für die Polizei übrig hat, obwohl er unter Umständen durchaus Polizist sein könnte. Ein Typ, der Beziehungen scheut, aber immer Partei für die Schwächeren ergreift, sich deswegen verflucht, von Moral wenig hält und trotzdem moralisch handelt. Roger Graf gelingt es, dieses Relikt aus vergangenen Zeiten so zu aktivieren, dass es echt Spass macht. Wobei er ihn mit den Attributen der 90er Jahre versieht. Er hängt meist nur beruflich in den Bars rum. Privat betätigt er sich eingehend als Computer-Fussball-Manager. Die zweite Faszination sind die übrigen Figuren des Romans. Fast alle Hauptpersonen haben irgendwie einen Ecken ab. Sie dealen, sie spritzen, sie saufen, sie haben ihre Depressionen oder sonstigen Anfälle. Nur, sie können umgehen damit. Graf verbreitet keine Deprostimmung, seine Figuren sind keine Anklage an irgendwen. Es sind Menschen, die ihre Macken kennen, die sich damit arrangieren - (auch mit den «Normalen). Ich habe schon lange kein Buch mehr gelesen, in dem Aussenseiterlnnen so selbstverständlich ernst genommen werden. Keine Sozialromantik, kein Multikulti, auch keine Glorifizierung. Detektiv Marco mag die Alkis und die Junkies keineswegs speziell. Sie sind ihm höchstens lieber als die Werber und die Bänkler. Aber er ist an ihren Geschichten nicht interessiert, sondern lediglich an ihren Informationen. Dazu gehört halt manchmal das Gespräch. Womit ich bei der dritten Faszination bin: Graf schreibt mit wenigen Ausnahmen unglaublich leichte Dialoge. Informative, direkte und ironische, ohne jeden Hang zum glatt sein. Es sind teilweise echt gute Gespräche, bei denen Inhalt und Atmosphäre alles andere als verboten sind. Die vierte und grösste Faszination -wenigstens für mich: «Zürich bei Nacht» ist - auch wenn der Verlag sich auf dem Buchumschlag um das Gegenteil bemüht - eine der schönsten Liebeserklärungen an Zürich, die ich las. Graf schildert die einzelnen Quartiere und Ortschaften mit vielen, für Nichtzürcherlnnen möglicherweise zu insiderischen Details. Sein Zürich ist eine Stadt, die die 80er-Bewegung noch im Hinterkopf hat, auch wenn deren Akteurlnnen sich inzwischen arrivierten: in der Werbung, bei den Medien, in der Musik - oder eben herumhängen. Es ist eine Stadt ohne grosse Ziele, mit eingeschränkten Auseinandersetzungen. Eine Stadt, die vordergründig keine grosse Toleranz oder Liberalität ausstrahlt. Aber eine Stadt, in der es zur Normalität gehört, dass Aussenseiterlnnen grossstadtmässig gleichgültig leben können. Koni Loepfe DAZ vom 18. Juli 1996
Spurensuche in eigener Sache
Die sonntäglichen «Maloney»Hörspiele auf DRS 3 machten den Zürcher Autor Roger Graf bekannt. In seinem neuen Roman "Zürich bei Nacht" tritt Marco Biondi an die Stelle von Philip Maloney. Was für ihn kein leichtes Spiel, ist für uns eine leichte Lektüre. In «Zürich bei Nacht» macht sich der Drehbuchautor Marco Biondi, der sich ab und an als Detektiv betätigt, auf die Suche nach dem verschollenen Penner Martin Boxler. Die Auftragsarbeit, die ihn durch die halbe Zürcher Unterwelt führt, bekommt in der Mitte des Romans eine völlig neue Dimension: Unter den wenigen Habseligkeiten, die Boxler, dessen Leiche in der Zwischenzeit im Zürichsee geborgen wurde, zurückgelassen hat, findet sich eine alte Fotografie, auf der Marco Biondi mit zwei Kameraden abgebildet ist. Ist er am Ende selbst in den Mordfall verwickelt, den er aufzulösen hat? Die Spurensuche nach dem Mörder entwickelt sich zu einer Spurensuche in eigener Sache: Marco Biondi tritt eine Reise in die eigene Vergangenheit an, die zugleich die Vergangenheit der Stadt Zürich ist: «Was ist nur aus dieser Stadt geworden? Was ist nur aus uns geworden, dachte ich.» Noch einmal flammen die achtziger Unruhen auf, der Kampf um (Selbst-)Befreiung und selbstverwaltete Räume. «Ich schrie für ein Autonomes Jugendzentrum, obwohl es mir völlig egal war», erinnert sich Biondi, eine Randfigur, die nie so richtig dazugehört hat - genausowenig wie Roger Graf, der die Stimmungen der Mitläufer distanziert und mit einigem Witz beschreibt. Jeder Krimiautor ist Moralist «Die Krimihandlung war Anlass, um über etwas ganz anderes zu schreibem" erzählt der 38jährige Schriftsteller Roger Graf. Der Roman «Zürich bei Nacht» sei nicht zuletzt eine Auseinandersetzung mit seiner Generation, die von den bewegten achtziger Jahren massgeblich geprägt wurde. «Ich fragte mich, was ist aus unseren Träumen geworden. Der Teil des Romans, der sich mit der jüngsten Vergangenheit beschäftigt, ist daher stark autobiographisch gefärbt, auch wenn ich nicht so frustriert bin wie meine Hauptfigur Marco Biondi», meint Roger Graf so nüchtern und ernst, dass man sich unwillkürlich fragt, wo der Autor denn eigentlich die Ironie hernimmt, die seinen Maloney auszeichnet. «Zürich bei Nacht» ist ein gut geschriebener, raffiniert komponierter Kriminalroman, dessen Rahmenhandlung die Spannung über 270 Seiten aufrechterhält und viele Anleihen bei Dostojewski macht («Du musst einen Menschen töten, um frei zu sein»). Roger Graf enttäuscht die Leser nicht, maloneygestählt, wie er ist, beherrscht er die Grundregeln des Kriminalromans. Das klappt alles wunderbar, und wir sind froh, dass wir am Schluss den Bösewicht doch noch erwischt haben - weniger froh sind wir darüber, dass wir auf dem Weg dorthin eine Menge thesenartiger Lebensweisheiten zu hören und, zu guter Letzt, vollig maloneyfremd, eine Überdosis Moral verpasst bekommen. Auf den moralisierenden Schluss angesprochen, entgegnet der Autor, «dass jeder Krimiautor ein Moralist und jeder Kriminalroman an sich moralisch ist». Wenn es ein bisschen weniger auch getan hätte, bleibt das Lesevergnügen bis dahin ungetrübt. «Zürich bei Nacht» ein unterhaltsames Buch für helle Sommertage.
GUIDO KALBERER Tages-Anzeiger