Tödliche Gewißheit

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Drei Stunden später standen wir vor dem Altersheim Sonnenhügel und wunderten uns, wo die Stadtverwaltung den Hügel hingestellt hatte, von der Sonne war natürlich auch nichts zu sehen. Das Haus war in einem guten Zustand, der Eingang hell und freundlich, und viele schöne, silberfarbene Tafeln zeigten uns den Weg zu den Insassen und ihren kleinen Wohnungen. Es war eines der teureren Heime mit großzügigeren Räumen, schönen Balkonen und freundlicherem Personal, als in den meisten städtischen Altersheimen sonst anzutreffen war. Die Wohnung von Frau Amrein war im ersten Stock. Die Tür stand offen. Eine Frau saß in einem braunen Sessel und döste. Als wir eintraten, erwachte sie.

«Ich gehe nicht mehr abstimmen«, sagte sie. »Politik interessiert mich nicht.«
»Mein Name ist Jasmin Weber, und das ist Philip Maloney.«
»Interessiert mich nicht. Es ist auch egal, von welcher Partei Sie sind. Ist doch alles derselbe Mist. Ich brauche keine Versprechungen mehr. Ich pfeife auf eine Zukunft, die mich nichts mehr angeht. Verschwinden Sie. Den Kuchen können Sie meinetwegen hierlassen. Ich werde ihn an die Vögel verfüttern.«
»Wir sind keine Politiker«, sagte Jasmin, »wir interessieren uns für Urs Imhasli.«
»Keine Politiker? Und Sie kommen freiwillig hierher? Geht es um Geld?«
Frau Amrein richtete sich auf. Ihre Hände zitterten, was wohl die Folge von Parkinson war.
»Es geht nicht um Geld«, sagte Jasmin. »Es geht um den Tod von Urs Imhasli.«
»Ja«, sagte Frau Amrein. »Das war tragisch. Einfach verbrannt in seinem Auto. Er war ein verrückter Mann, aber er hat anständig bezahlt. Aber Privatdetektiv ist doch kein Beruf. Was arbeiten Sie? Oder sind Sie arbeitslos? Vermutlich sind Sie arbeitslos. Sonst könnten Sie mich nicht besuchen.«

Ich hatte mich vornehm zurückgehalten und den Part der Fragenden Jasmin überlassen. Frau Amrein schaukelte in ihrem Stuhl hin und her und schaute geradeaus an uns vorbei. Jasmin versuchte, freundlich zu sein. Es wirkte so, als hätte sie sich zu oft schlechte Fernsehserien über alte Menschen angeschaut. In einer Ecke des Zimmers hing ein Käfig. Zwei Wellensittiche schauten müde durch die Gitterstäbe. Jasmin legte eine Hand auf den rundlichen Unterarm von Frau Amrein. Die ließ sich das gefallen.

»Wir haben Neuigkeiten über Urs Imhasli«, sagte Jasmin. »Er kam damals gar nicht ums Leben.«
»Was? Herr Imhasli lebt? Das ist doch Blödsinn. Ich war an seiner Beerdigung. Eingeäschert haben sie ihn. Wollen Sie eine alte Frau zum Narren halten? Ich bin nicht blöd. Ich habe auch kein Alzheimer. Mein Bruder hat Alzheimer. Der redet nur noch Unsinn, vergißt alles. Eigentlich war er immer ein wenig blöd. Hat eine Serviertochter geheiratet. Die hat gesoffen, sage ich Ihnen. Alles hat sie ihm weggesoffen. Dann ist sie gestorben. Nicht wegen dem Alkohol. Umgebracht hat sie sich. Und er wollte sich auch umbringen, dieser Idiot. Dabei hätte er sich freuen sollen. Er hat später noch einmal geheiratet. Aber die Frau war nicht gut zu ihm. Hat ihn schikaniert. Eine Frau sollte stolz auf den Mann sein. Sonst gibt das keine gute Ehe. Sie aber hat ihn immer aufgezogen, ihm gesagt, daß er nur ein einfacher Arbeiter sei, nichts im Kopf habe er.«
»Was geschah mit Imhaslis Unterlagen nach seinem Tod?« fragte ich. »Wer erhielt das Material?«
»Niemand. Er hatte keine Eltern mehr, keine Geschwister. Das Zeug lag bei mir herum. Nehmen Sie mich mit ins Kino? Ich war schon lange nicht mehr im Kino. Alleine traue ich mich nicht. Um drei ist eine Vorstellung.«

Der Gedanke mobilisierte ungeahnte Kräfte in ihr. Sie stand auf und zog sich einen dicken Mantel über. Die Handschuhe und den Schal fand sie in einer Schublade nach mehrmaligem Suchen. Ich verzog meinen Mund zu einer Grimasse, während Jasmin schulterzuckend lächelte. Frau Amrein wußte genau, in welchen Film sie wollte. Ich staunte nicht schlecht. Es war ein fürchterlicher Horrorstreifen. Permanent zuckten Körperteile, schrien Opfer und grinsten diabolisch entsetzliche Wesen von einem anderen Planeten, die mit Vorliebe Schüler eines amerikanischen Colleges verspeisten. Frau Amrein amüsierte sich prächtig, sie lachte, klatschte in die Hände, stieß spitze Schreie aus und klammerte sich an Jasmins Arm. Als der Spuk vorbei war, war es draußen schon wieder dunkel, und Frau Amrein wollte unbedingt noch bei einem MacDonalds vorbeischauen. Sie aß einen doppelten Cheeseburger mit Pommes, Ketchup, einem halben Liter Cola, und anschließend würgte sie auch noch fröhlich kauend zwei Doughnuts hinunter. Zwischen den Bissen erzählte sie uns ein paar Anekdoten aus ihrer Zeit als Ballettänzerin, es mußte mindestens zweihundert Jahre zurückliegen, dann näherte sie sich Biß für Biß der Neuzeit und landete schließlich wieder bei Imhasli, den sie offenbar nicht besonders mochte, der ihr aber ein für damalige Verhältnisse fürstliches Salär von 3o Franken in der Stunde zahlte, alles schwarz und ohne Abzüge.

»Ich habe oft schwarz gearbeitet«, sagte Frau Amrein. »Dafür kann ich mir heute ein besseres Heim leisten. Hätte ich alles versteuert, wäre ich jetzt schlechter dran. Mein Mann war ein aufrichtiger Bürger. Er sah das nicht gern, wenn ich zu Hause Geld versteckte. Er richtete mir ein Nummernkonto ein. Dorli Amrein und ein Nummernkonto! Stellen Sie sich das vor. Herr Imhasli hat mir übrigens am Jahresende 2000 Franken Gratifikation gegeben. Einfach so. Ich habe ihm die Büroarbeit immer gut gemacht. Pflichtbewußt war ich immer, da konnte man mir nie etwas nachsagen.«
»Und als Sie in das Heim zogen, was machten Sie mit den alten Unterlagen?« fragte Jasmin.
»Ach die. Die habe ich dem Heinrich gegeben.«
»Welchem Heinrich?« Jasmin schaute Frau Amrein verständnislos an. Die tat so, als gehörte ihr Heinrich zur Allgemeinbildung.
»Na, dem Heinrich. Er war der Hausmeister in dem Haus, in dem Herr Imhasli sein Büro hatte. Heinrich kannte ich von früher. Der konnte tanzen, der Heinrich. Aber es hat nicht sollen sein. Wir haben uns aus den Augen verloren. Ich habe den Erich geheiratet. Ein guter Mann. Aber wissen Sie, so richtig gefunkt zwischen uns hat es nie. Ich meine erotisch und so. Das wäre mit dem Heinrich sicher besser gewesen. Aber der Heinrich hat getrunken, und das finde ich schlimm. Mein Vater starb am Alkohol.«
»Lebt dieser Heinrich noch?« fragte ich. »Ja, ja, der lebt noch. Wissen Sie, ich lese täglich die Todesanzeigen. Das hätte ich gemerkt, wenn der Heinrich gestorben wäre.«
»Und wohnt er noch in dem gleichen Haus?« fragte Jasmin. »Das weiß ich nicht«, sagte Frau Amrein. »Ich habe zwar manchmal daran gedacht, ihn zu besuchen. Nachdem der Erich jetzt schon so lange tot ist. Aber irgendwie habe ich kein gutes Gefühl. Vielleicht trinkt er noch immer. Oder er ist verheiratet. Er war nie verheiratet. Auch nicht, als er Hausmeister war. Hat zwar mit einer Frau zusammen gelebt. Ist aber nicht glücklich gewesen, das habe ich gesehen.«
»Wissen Sie die Adresse noch?« fragte Jasmin. »Bin doch nicht blöd. Röntgenstraße l0 oder 20. Eine runde Zahl. Aber vielleicht steht das Haus nicht mehr. Ist schon lange her. Zehn Jahre, oder?«
»Danke«, sagte Jasmin. »Sie haben uns sehr geholfen, Frau Amrein.« »Ich danke Ihnen. Es war schön im Kino. Herr Imhasli ist doch tot, oder?«

Jasmin nickte, und ich pflichtete ihr bei, und es entsprach auch den Tatsachen. Ich glaube nicht, daß Frau Amrein viel geholfen gewesen wäre mit der Geschichte von dem Toten, der nicht tot ist und dann doch stirbt. Solche Geschichten verwirren ältere Menschen, sie sind es sich nicht gewohnt, daß der Tod nicht die letzte aller Wahrheiten ist.

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