Zürich bei Nacht

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1.
Der Anruf kam, als das Null zu Eins fiel. Ich hatte gerade eine Druckperiode des Gegners überstanden und freute mich auf das glückliche Unentschieden, als neben meinem Computer das Telefon klingelte und gleichzeitig ein Spieler namens Smith meinen Torhüter bezwang. Während ich den Hörer abnahm und mich meldete, vergingen die letzten Spielsekunden, und mein Team mußte die erste Heimniederlage der Saison hinnehmen. Ich starrte auf die Resultate der übrigen Partien, während sich eine Katharina Boxler unsicher erkundigte, ob sie sich nicht verwählt habe.

"Ich habe Ihre Anzeige gelesen, Herr Biondi."
"Gratuliere. Es gibt also noch Leute, die das Kleingedruckte in der Zeitung lesen?"
"Suchen Sie auch vermißte Personen?"
"Aber sicher. Wobei ich gleich anmerken muß, daß ich kein Privatdetektiv bin. Meine Erfolgsquote ist höher."
"Tatsächlich? Wieviel Vermißte haben Sie schon gefunden?"
"Einen."
"Ach so."

Ich verschwieg ihr, daß dieser eine Vermißte, den ich gefunden hatte, der Hund einer Freundin war und daß er mir eher zufällig nach zweitägiger intensiver Suche über den Weg gelaufen war. Die Stimme am Telefon klang mit jeder Sekunde mißtrauischer, doch das störte mich nicht, denn eigentlich hätte ich sowieso lieber noch ein paar Runden Fußballmanager gespielt.

"Ich möchte nicht die Polizei einschalten", sagte sie. "Vielleicht taucht er wieder von selber auf. Ich bin einfach ein wenig beunruhigt."
"Wer ist der Vermißte?"
"Mein Bruder. Er hat sich seit zwei Wochen nicht bei mir gemeldet. Normalerweise ruft er einmal in der Woche an. Können Sie ihn finden?"
"Finden kann man jeden, fragt sich nur, wo man suchen muß. Ich schlage vor, Sie kommen zu mir, und wir reden in aller Ruhe darüber."
"Ich weiß nicht. Haben Sie so etwas wie Referenzen?"
Ich schüttelte den Kopf und atmete tief durch. Sollte ich ihr die Adresse der Hundebesitzerin geben? Ich beschloß es auf die ehrliche Tour zu versuchen. Wahrscheinlich weil ich sie insgeheim davon überzeugen wollte, jemand anderen zu beauftragen. Ich schaute mir die Tabellenlage meines Clubs an. Oberes Mittelfeld. Das war nicht schlecht, aber auch nicht besonders gut.
"Sind Sie noch dran?" Ihre Stimme klang ein wenig empört.
"Ich hatte gerade auf der anderen Leitung einen Anruf des CIA", sagte ich.
"Ich habe das Gefühl, daß Sie gar nicht an einem Auftrag interessiert sind." "Ehrlich gesagt, weiß ich das nicht so recht. Wie Sie in meinem Inserat gelesen haben, mache ich Nachforschungen aller Art. Das heißt, ich suche mir aus, was ich mache."
"Sie machen das bloß als Hobby?"
"Das stimmt so auch wieder nicht. Wenn ich einen Auftrag übernehme, dann widme ich mich voll und ganz der Sache."
"Verstehe. Vielleicht sollten wir uns in der Stadt treffen. Im Odeon? Um halb drei?"

Ich sagte ihr, daß ich erst um drei könne, sie war einverstanden. Eine volle halbe Stunde schaute ich mich auf den Transfermarkt um. Ein starker Verteidiger war nicht zu haben. Nur mittelmäßige Kicker zu übersetzten Preisen. Mein Starstürmer fiel noch vier Wochen aus; der Idiot hatte sich die Hand gebrochen. Ich nahm eine kleine Umstellung vor und brachte den erst zwanzigjährigen Miller als rechten Außenverteidiger. Der Kerl hatte Zukunft. Ich spielte zwei Partien. Ein Sieg und ein Unentschieden. Das war nicht schlecht. Als ich mein Büro verließ tat ich das als Manager einer Mannschaft, die in der englischen Premier League Platz sieben belegte.

2.
Es war kein Flanierwetter, der Wind blies kühl durch die Straßen, der Himmel war mit dunkelgrauen Regenwolken verhangen. Im Odeon saßen nur etwa ein Dutzend Leute. Junge Paare, ein paar Schwule und Geschäftsleute, die schnell einen Kaffee tranken; das übliche. Sie saß ganz hinten an einem der kleinen Tische. Ein Mineralwasser vor sich, gespannt auf den Eingang starrend. Sie realisierte erst spät, daß ich es war, auf den sie wartete. Sie war in meinem Alter, Anfang dreißig, lange dunkle Haare mit ein paar neckischen grauen Strähnen. Elegant, aber dezent gekleidet. Viel Rot, auch auf den Lippen. Ich nannte ihr meinen Vornamen. Sie lächelte.

"Ich heiße Katharina. Ich habe mir dich ganz anders vorgestellt, Marco."
"Als Wandschrank mit beschränkter Haftung?"
"So ähnlich."
"Also gut. Von vorn. Ich habe früher als Journalist gearbeitet. Heute schreibe ich schlechte Drehbücher für miserable Serien. Programmiere ein wenig auf dem Computer, und daneben suche ich Aufgaben, die mich davor bewahren, als Alkoholiker zu enden."

Ich bestellte mir eine Cola light, nicht aus Prinzip, aber ich mag es nicht, tagsüber angesäuselt zu sein. Sie nickte, schaute an mir vorbei auf einen Mann an der Bar, der ihr offenbar gefiel. Er war in eine Diskussion mit einem blonden Schönling vertieft. Katharina wandte sich erst nach einigen Sekunden wieder mir zu, was mein Ego ein wenig beleidigt zur Kenntnis nahm.

"Du machst das nur zum Spaß?"
"Nein. Das einzige, was mich am Journalismus gepackt hat, waren die Nachforschungen, sich in etwas vertiefen zu können, im Dreck zu wühlen. Leider erwarten die meisten Zeitungen und Zeitschriften, daß man nicht nur im Dreck wühlt, sondern auch welchen absondert. Als ich damit aufhörte begann ich gezielt nach Wühlarbeit zu suchen. Ich inserierte regelmäßig in der NZZ. Ich forschte nach Stammbäumen für Firmenfestschriften und ab und zu auch nach Personen. Ein alter krebskranker Mann wollte zum Beispiel, daß ich ihm seine Jugendliebe ans Sterbebett bringe."
"Und? Hast du sie gefunden?"
"Ja", sagte ich. "In einem Altersheim in Solothurn. Sie konnte sich nicht mehr an ihre Jugend erinnern. Ich brachte sie dennoch zu ihm ins Spital. Es war eine seltsame Angelegenheit. Er hat sie berührt und sie saß einfach nur da, ohne Erinnerung. Er starb eine Woche später. Sie lebt wieder im Altersheim. Vermutlich kann sie sich mittlerweile auch nicht mehr an den Besuch im Spital erinnern."
"Mein Vater hat auch Alzheimer. Frühes Stadium. Wenn ich daran denke, was noch kommen wird, habe ich angst."
"Kann ich gut verstehen."

Sie trank Mineralwasser. Ihr Blick folgte dem Mann an der Bar, der sich vom blonden Schönling verabschiedete und nach draußen ging. Ihre Augen folgten ihm durch das Glasfenster. Mein Ego war Eifersüchtig, auch wenn ich keinerlei erotisches Interesse an Katharina verspürte. Das Ego ist wahrscheinlich immer Eifersüchtig. Irgend etwas muß es schließlich tun. Sie schaute auf die Uhr.

"Mein Bruder hatte vor acht Jahren einen Unfall. Er fiel von einem Balkon. Nicht sehr tief, knallte aber voll auf den Rücken und den Kopf. Er hatte eine schwere Gehirnerschütterung. Seither ist er arbeitsunfähig. Er hat häufig Kopfschmerzen und, wie er es selber nennt, Bienen im Kopf. Das war wohl auch der Grund, weshalb er zu trinken anfing. Wenn er trinkt, sind die Bienen weg, sagt er. Auf jeden Fall hat der Unfall Spuren hinterlassen. Er ist nicht blöd, nein, er hat manchmal einfach so etwas wie Anfälle. Da wird er rastlos, hält es nirgends lange aus. Er streunt dann richtiggehend durch die Stadt, lebt im Freien und trinkt. Wie ein Penner."
"Wie lange macht er das schon?"
"Fünf, sechs Jahre. Er hat ein Zimmer bei mir. Ich besitze ein kleines Haus, das eigentlich meiner Mutter gehört. Ich wohne da zusammen mit einer Freundin. Meine Mutter weiß nicht, daß Martin ein Zimmer im Haus hat. Es sind zwei Wohnungen und zwei Mansardenzimmer. Mein Bruder kommt manchmal für ein oder zwei Wochen, dann verschwindet er wieder. Aber, wie gesagt, er ruft sonst regelmäßig bei mir an. Das hat er mir versprochen. Ich habe ihm Taxcards geschenkt."
"Wann hast du ihn zuletzt gesehen?"
"Vor einem Monat. Er hat danach noch zweimal bei mir angerufen, zuletzt am dritten. Seither habe ich nichts mehr von ihm gehört."
"Hat er Freunde?"
"Wenige. Und die wechseln ständig. Er lebt oft auf der Straße. Natürlich kennt er ein paar Junkies, denen geht er aber eher aus dem Weg, weil sie ihm schon öfters Geld geklaut haben. Am wohlsten fühlt er sich unter Pennern."
"Hast du in der Bäckeranlage nach ihm gesucht?"
Die Bäckeranlage ist ein kleiner Park, in dem etwa ein halbes Dutzend Penner leben und von der Polizei mehr oder weniger geduldet werden. Sie schüttelte den Kopf.
"Ich gehe da nicht hin. Aber ein Bekannter war da und hat nach ihm gesucht. Mehrmals. Mein Bruder ist seit über zwei Wochen nicht mehr gesehen worden."
"Und die Polizei? Wie wär's mit einer Vermißtenanzeige?"
"Ich habe meinem Bruder versprochen, nie die Polizei auf ihn zu hetzen. Dieses Versprechen möchte ich halten, solange es geht."
"Verstehe", sagte ich. "Hat dein Bruder Geld?"
"Er bekommt eine Invalidenrente. Wenn er zusätzlich Geld braucht, gebe ich ihm welches. Ich bin aber nicht reich. Das Haus, indem ich wohne, ist hoch mit Hypotheken belastet. Meine Mutter möchte nicht, daß ich Martin unterstütze. Aber er kriegt so wenig Rente."
"Kann er frei über sein Geld verfügen?"
"Ja. Er hat keinen Vormund, wenn du das meinst. Er ist kein Asozialer. Er ist kein Genie, aber auch nicht hirnlos. Er kann sich selber durchschlagen. Allerdings trinkt er sehr viel. Immer mehr. Leider." Sie schaute auf ihr leeres Glas.
"Hast du Einblick in seine Konten? Hat er Geld abgehoben?"
"Nein. Seit drei Wochen nicht. Am Dritten, das war der Tag als er mich anrief, da hat er fünfhundert mit der Bankomatkarte abgehoben. Er braucht nicht viel Geld."
"Ich brauche ein Foto von ihm, möglichst neu."
"Ich habe nur Fotos, die ihn frisch geduscht und rasiert zeigen. Wenn er drei Wochen auf der Gasse lebte, sieht er manchmal zum Fürchten aus. Ich kann dir aber eine Zeichnung mitbringen. Die Freundin, die bei mir wohnt, ist Illustratorin, und sie kennt Martin."
Ich erklärte ihr, daß ich möglichst viel über die Gewohnheiten ihres Bruders wissen müßte. Sie nickte. "Jetzt im Frühling ist er oft am See. Er liebt es, auf die Wellen zu schauen und zu träumen. Ich war fast jeden Tag unten, wenn ich zur Arbeit ging oder zurückkam, aber ich habe ihn nie gesehen. Er war meistens am Zürihorn, da wo sie im Sommer nackt baden."
"Trägt er einen Paß oder eine ID dabei?"
"Ja, eine ID. Es ist aber unwahrscheinlich, daß er ins Ausland ging. Vielleicht ist er in einer anderen Stadt. Manchmal ging er nach Bern oder Basel, einmal auch nach Locarno, aber nie mehr als zwei, drei Tage. Er braucht eine vertraute Umgebung. Er ist in Zürich aufgewachsen. Er liebt diese Stadt."
"Gut", sagte ich.
"Ich werde Deinen Bruder suchen."
"Brauchst du einen Vorschuß? Ich habe einen Tausender bei mir. Reicht das?"
"Tausend genügen fürs erste. Wenn ich mehr brauche, sage ich es dir."
"Okay", sagte sie. "Mehr als fünftausend kann ich aber nicht ausgeben. Ich möchte nur, daß du das weißt. Ich lasse dir die Fotos und die Zeichnung per Kurier zukommen. Wenn du Fragen hast, kannst du mich anrufen."

Sie gab mir ihre Karte. Ich gab ihr meine. Ich ging danach einkaufen und zurück in mein Büro. Während ich an einem Stück Zwetschgenkuchen knabberte, überlegte ich mir, ob ich noch zwei, drei Runden spielen sollte, ließ es dann aber bleiben. Irgendwo in der Stadt irrte Martin Boxler umher. Ihn zu suchen war vielleicht mindestens so unterhaltsam wie die Suche nach einem guten Verteidiger.

3.
Das Foto und die Zeichnung zeigten zwei Ausgaben ein und desselben Mannes. Auf dem Foto lachte er mir fröhlich mit breiten Backenknochen, nach hinten gekämmten Haaren und makellosen Zähnen entgegen. Auf der Zeichnung sah ich einen geknickten Mann, der mindestens zehn Jahre älter aussah, eine wirre Mähne trug, unrasiert war und wie ein verängstigtes Tier dreinschaute. Außer den markanten Backenknochen hatten die beiden Männer nicht viel Gemeinsamkeiten. Er kam mir vor die Zürcher Ausgabe von Jeykll and Mister Hyde. Ich konnte wohl davon ausgehen, daß Martin Boxler zur Zeit eher Mister Hyde verkörperte, deshalb schaute ich mir die Zeichnung genauer an als das Foto. Es war eine gute Zeichnung, die Frau hatte Talent, das Bild des Mannes war präzise und strahlte so etwas wie Leben aus, wenn auch ein kaputtes Leben. Unter der Zeichnung stand der Name der Illustratorin. Melanie Mahrer. Klang auch nicht übel. Katharina hatte auf einem Blatt zusammen gefaßt, was ich ihrer Meinung nach über ihren Bruder wissen sollte. Es war nicht viel, aber es genügte, um mir zusammen mit der Zeichnung ein präziseres Bild von ihm zu machen. Ich kaufte mir ein Sixpack edles dänisches Bier und machte mich auf zur Bäckeranlage. Vor zwei Wochen war das Areal geräumt worden. Das geschah alle paar Monate, wenn sich Nachbarn über die Penner beschwerten, oder es zu Schlägereien kam. Wenn sich alles beruhigt hatte, tauchten die Penner wieder auf, mit neuen Matratzen und Zeitungen, und richteten sich häuslich ein. Einige Mütter gingen dennoch mit ihren Kindern in den Park, es war weit und breit die einzige Spielmöglichkeit, und die Penner galten als friedlich. Einige davon waren schon in der Zeitung oder auf einem der lokalen Fernsehsender porträtiert worden. Immer nach dem Motto: leben und leben lassen. Ich habe diese Art von Sozialreportagen nie gemocht und werde sie auch nie mögen. Einige der Journalisten, die solches Zeugs schreiben, halten es irrtümlich für Literatur, andere für ein soziales Anliegen. Genaugenommen ging es aber nur darum in flauen Zeiten die Zeitungsspalten zu füllen. All die netten Geschichten von den kleinen Freuden des Trinkeralltags, der Freiheit unter dem Himmel und dem Schicksal, das in jeder Flasche steckt. Nie ist darin die Rede von Erbrochenem, von kaputten Lebern, zerfressenen Gehirnen und stinkendem Atem. Einen der Penner kannte ich vom Sehen. Er nannte sich Charly und hatte die Angewohnheit, Passanten anzubrüllen und Frauen zu beleidigen. Er stank meist fürchterlich nach Pisse und Kotze. Eine Journalistin vom Tagesanzeiger, die ich gut kannte, hatte Charly einmal porträtiert. Sie schilderte mir danach voller Abscheu, wie Charly versucht hatte, ihre Brüste zu berühren, und wie er sich ständig zwischen den Beinen kratzte. In ihrem Artikel las ich kein Wort davon, da stand nur, er verberge seine Verletzlichkeit unter einer rauhen Schale. Als ich die Anlage betrat, war ich froh, Charly nirgends zu sehen. Vor dem kleinen Rondell saßen zwei Penner, die ich nicht kannte. Als ich mich zu ihnen gesellte, trat eine Frau hinzu. Sie war aufgedunsen und bewegte sich so andächtig wie ein Rhinozeros. Sie begrüßte die beiden Männer lautstark und fluchte über einen anderen Mann, der sie versetzt hatte. Die beiden Männer nickten nur und rauchten. Einer trank Wein aus einer Flasche. Ich setzte mich auf die Steinstufen und stellte das Sixpack neben mich. Einer der Penner schaute mich an, zog es dann aber vor, seinen Kopf sofort wieder wegzudrehen. Die Frau stellte sich vor mich hin und stemmte ihre Arme in die Hüfte.

"Das ist mein Platz."
"Schon gut", sagte ich. "Ich habe deine Markierung nicht gerochen."
"Was ist?"

Der Mann neben mir lachte und schaute mich an. Die beiden oberen Schneidezähne fehlten ihm, und über der linken Augenbraue hatte er eine verkrustete Wunde. Ich stand auf und machte der Frau Platz. Sie nickte nur, setzte sich aber nicht.

"Dich habe ich hier noch nie gesehen." Der Mann ohne Schneidezähne bot mir eine Zigarette an, ich schüttelte den Kopf.
"Ist auch gesünder", sagte er.
"Ich heiße Marco", sagte ich. "Ich suche jemanden."
"Godi." Der Mann ohne Schneidezähne streckte mir seine Hand hin.

Die Frau neben mir grunzte und suchte in ihrer Hosentasche nach etwas. Der andere Mann schwieg noch immer und starrte auf seine gelben Finger die den Stummel einer filterlosen Zigarette hielten. Ich zeigte auf das Six-Pack. Godi nickte und nahm sich eine Flasche. Der andere schaute gar nicht hin. Die Frau setzte sich neben Godi und begann mit ihren Fingern an ihren Zähnen zu kratzen. Was an ihren Fingern klebenblieb, strich sie unter der Achsel an ihrem Pullover ab. Der Zwetschgenkuchen in meinem Magen machte sich bemerkbar. Ich versuchte die Frau nicht mehr zu beachten, was mir aber nicht gelang. Sie kratzte erneut an ihren Zähnen. Godi leerte eine der Flaschen ohne abzusetzen.

"Nicht schlecht", sagte er. "Trinke gerne Bier. Die anderen mögen lieber Wein. Muß man weniger pißen."
Ich hielt Godi eine Kopie der Zeichnung hin. Er blinzelte. Dann nickte er.
"Das ist Martin. Lieber Kerl. Hat was im Kopf. Trinkt nur, weil er Schmerzen hat. Noch ziemlich jung."
"Wann hast du ihn zuletzt gesehen?"
"Wann? Schwierig. Wann war Martin zuletzt hier?"

Er schaute zuerst die Frau an, dann den anderen Mann, schließlich wieder die Frau. Der Mann reagierte nicht, zündete sich eine neue Zigarette an. Die Frau hatte in der Zwischenzeit den Zeigefinger gewechselt. Sie schaute sich neugierig an, was auf der Fingerspitze zu sehen war und strich es unter die andere Achsel. Ich versuchte meinen Magen zu beschwichtigen, indem ich einmal tief durchatmete. Godi zuckte die Schultern.

"Weiß auch nicht mehr, wann das genau war. Eine Woche, vielleicht zwei. Martin ist manchmal monatelang nicht aufgetaucht. Er wohnt bei seiner Schwester."
"Vor zwei Wochen habe ich ihn gesehen", sagte die Frau plötzlich. Sie bohrte mit ihrem Zeigefinger nun im Ohr herum. Vermutlich gehörte das alles zu ihrer täglichen Körperhygiene.
"Bist du da ganz sicher?" fragte ich sie.
"Klar. Was willst du von ihm?"
"Seine Schwester sucht ihn."
"Bist du ein Detektiv, oder so was?
"So was. Ich möchte nur herausfinden, wo sich Martin zur Zeit aufhält."
"Vor zwei Wochen traf ich ihn hier. Am Abend. Er war mit Anna zusammen."
"Wer ist Anna?"
"Du hast vielleicht Fragen." Sie leckte sich den Finger ab und öffnete eine Flasche aus dem Six-Pack. Sie war noch etwas schneller leer als jene, die Godi ausgetrunken hatte.
"Ich weiß nicht, wer sie ist. So wie sie aussieht, nimmt sie Drogen. Ganz dünn ist sie, und Narben hat sie an den Armen. Die haben doch alle Narben, oder?"
"Nimmt Martin auch Drogen?"
"Nein, das glaube ich nicht. Nein. Martin nicht. Der trinkt nur."
"Hast du eine Ahnung, wo Martin pennt?"
"Nein. Keine Ahnung. Mir auch egal. Bin froh, daß er wieder ging mit dieser Anna. Möchte nicht, daß all die Drögeler hier auftauchen. Das Dealerpack steht ja überall herum. Weißt du, um die Drögeler machen sie ein Riesentheater, denen geben sie jetzt sogar die Drogen gratis ab. Eine Frechheit ist das. Wir müssen uns unseren Stoff selber kaufen. Mir schenkt keiner was."

Sie nahm eine zweite Flasche, öffnete sie mit einem schmutzigen Taschenmesser und kippte das Bier herunter. Am anderen Ende des Parks stritten zwei Kinder um einen Ball. Die Mutter versuchte zu schlichten. Sie nahm den Ball und hielt ihn in die Höhe. Wie sie so dastand, sah sie aus wie eine Statue, die die Weltkugel vor den bösen Mächten der Finsternis schützt. Die Kinder verbündeten sich gegen ihre Mutter und versuchten sie gemeinsam aus dem Gleichgewicht zu bringen. Eine andere Frau erschien mit einem Kinderwagen. Sie setzte sich auf eine Parkbank und zündete sich eine Zigarette an. Ich stand nur da und schaute mich um. Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Godi stieß mich sanft vom Rondell weg, Richtung Rasen. Ich wich einem langen, dicken Hundekothaufen aus und drehte mich zu Godi um. Er sprach leise, wollte offenbar nicht, das die anderen ihn hörten.

"Der Martin ist ein guter Kerl. Weshalb können die Ärzte ihm nicht helfen? Es summt in seinem Kopf. Da muß man doch verrückt werden, oder?"
"Weißt du, wer diese Anna ist?"
"Seine Freundin. Er hat mir von ihr erzählt. Ich habe sie aber nie gesehen. Auch ein armes Ding. Ist schwer süchtig. Hat vielleicht AIDS, wie alle Drögeler, oder?"
"Wo wohnt Anna?"
"Wo soll sie schon wohnen? Auf der Gasse. Vielleicht im Asyl. Martin sagte, daß sie auf dem Letten gelebt hat. Was für ein Scheißleben. Ich war nie da. Finde das schon richtig so, daß sie da aufgeräumt haben. Hier räumen sie ja auch manchmal alles weg. Weißt du, das hat auch seine guten Seiten. Martin hat gesagt, man dürfe sich nicht an das Ghetto gewöhnen. Da hat er recht. Ich habe mich daran gewöhnt. Und auch wieder nicht."
"Möchtest du raus aus der Scheiße?" fragte ich.
"Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Was erwartet mich? Einen Job krieg ich nicht mehr. Irgendein Loch in einer Hütte, wo alles geregelt ist. Keine Haustiere und so. Hatte mal einen Hund, möchte wieder einen."

Er zündete sich eine Zigarette an. Er sah jetzt jünger aus, als es zuerst den Anschein hatte. Mitte vierzig vielleicht. Seine Finger waren gelb, die Fingerkuppen schwarz, am rechten Daumen fehlte ihm der halbe Nagel. Sein Gesicht war eingefallen, die Augen wachsam. Die Falten um seinen Mund verrieten, daß er gerne lachte, oder zumindest Grimassen schnitt.

"Gehen wir was trinken?" fragte ich ihn. "Essen wäre besser." Er lachte. Bis auf die fehlenden Schneidezähne sah sein Gebiß noch ganz ordentlich aus.

Wir verließen die Anlage und gingen einige Querstraßen Richtung Langstraße. Das Milieu hatte sich in den vergangenen Jahren breit gemacht wie nie zuvor in Zürich. Überall stieß man auf Salons, Sexshops und Prostituierte, die aus dem Fenster schauten, oder einkaufen gingen. Es war kurz vor fünf, der Feierabend nahte und mit ihm die Feierabendbumser. Godi blieb ab und zu stehen, schaute sich einige der Nutten genauer an, gab Kommentare ab und lachte.

"Hätte schon manchmal Lust auf einen Fick. Aber dann denke ich, was ist, wenn ich ihn nicht hochkriege? Wenn ich den Hunderter versaufe, weiß ich wenigstens, was ich davon habe."

Auf dem Straßenstrich sah man vor allem Südamerikanerinnen. Ganz junge Frauen, ältere um die Dreißig, dünne, vollbusige, kleine, größere, die Auswahl war riesig. Straßenzug um Straßenzug hatten sich die Zuhälter zusammengekauft oder eingemietet. Da, wo einst eine Jugendfreundin von mir wohnte, war aus dem ganzen Haus ein Bordell geworden. Ich erinnerte mich daran, wie wir mit dem Fahrrad um die Autos gekurvt waren und uns in Hauseingängen geküßt hatten. Unschuldig und naiv. Nebenan wohnte der Metzger, der seine Frau verprügelte und zwei Häuser weiter Herr Wattenwyl, der immer die neuesten Brettspiele zu Hause hatte. Ein paar Jahre später wurde er wegen Unzucht mit Minderjährigen eingelocht. Herr Wattenwyl würde sich fürchterlich aufregen über das, was aus der Straße mittlerweile geworden war. Alle regen sich darüber auf. Wenn man ihnen zuhört, glaubt man, daß diese Stadt einmal ein Paradies war. Vielleicht ist das Paradies tatsächlich nur eine Erinnerung. Und die Hölle ist immer das, in dem wir alle gerade schmoren. Aber spätestens in zehn Jahren wird aus dieser Hölle in der Erinnerung wieder ein Paradies. Ich fragte Godi, ob bei ihm vor zehn Jahren alles besser war.

"Vor zehn Jahren? Verdammt lang her. Nein, war nicht besser. Wohnte bei meiner Mutter. Hab damals schon gesoffen. Wir flogen aus der Wohnung, meine Mutter starb. So hat die Scheiße begonnen. Weiß nicht, ob das schon zehn Jahre her ist. Weißt du, ich könnte wieder arbeiten. War ein guter Arbeiter. Auf dem Bau, als Magaziner oder im Service. Habe alles mögliche gemacht. Die Chefs waren mit mir zufrieden. Martin hat gesagt, ich solle es versuchen. Ich mache mir aber keine Illusionen. Schau doch all die Leute, die keine Arbeit finden. Die sind jünger und gescheiter. Und die saufen nicht. Noch nicht. Ohne Arbeit beginnen die meisten zu saufen, früher oder später. Ist doch so, oder?"

Ich schlug ihm ein italienisches Restaurant vor, er schüttelte nur den Kopf und zeigte nach vorne. Wir gingen die Langstraße runter. Die Straße war halbseitig gesperrt, viele Radfahrer waren unterwegs. Einige Dealer standen herum und warteten auf Süchtige. Bei den Auslagen eines Kleidergeschäftes diskutierten ein paar Frauen und hielten Kinderkleider in das trübe Licht der sich neigenden Sonne. Viel war vom Frühling noch nicht zu spüren. In den Hinterhöfen lagen vereinzelt noch kleine Schneehügel, schwarz eingefärbt. Kinder sprangen umher, spielten Fangen. Wir gingen durch den Tunnel auf die andere Seite der Geleise. Godi zeigte auf ein chinesisches Fast-food-Lokal.

"Ich habe einmal bei einem Chinesen gearbeitet. In der Küche. War einer der ersten Chinesen hier in der Stadt. Sauteuer. Aber ich durfte gratis essen, soviel ich wollte. War ein netter Kerl. Weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Sein Laden ist jetzt thailändisch. Ist mir zu scharf. Das essen meine ich, nicht die Weiber."

Godi bestellte Schweinefleisch mit Reis, sweet and sour, und einen Kaffee. Ich nahm fritierte Shrimps mit Reis und eine Cola. Wir setzten uns ans Fenster zur Langstraße hin. Godi packte die Stäbchen aus und grinste. Ich aß mit Messer und Gabel. Er hatte keine Probleme mit den Stäbchen. Einige Passanten schauten uns eingehend an. Godi zeigte auf meine Shrimps.

"Ist auch nicht schlecht. Stehe nicht so auf Fisch und anderes Zeugs aus dem Wasser. Hab nie schwimmen gelernt. Liegt vielleicht daran. Arbeitest du für die Polizei?"
"Nein", sagte ich. "Ich suche manchmal nach vermißten Personen oder Tieren, oder nach verschollenen Klassenkameraden für eine Klassenzusammenkunft."
"Und davon kannst du leben?"
"Nein. Ich schreibe auch noch Drehbücher fürs Fernsehen."
"Krimis oder so?"
"Alles mögliche."
"Schreiben können muß toll sein. Ich war immer froh, wenn ich nicht schreiben mußte. Verstehst du? Das einzige was ich jahrelang gemacht habe, war Einzahlungsscheine ausfüllen. Den Rest erledigt man per Telefon."
"Seit wann bist du ohne Arbeit?"
"Vier Jahre, oder acht, wie du willst. Hab zwischendurch ab und zu gejobt. Vor vier Jahren hatte ich einen Job für drei Monate im Arbeitslosenprogramm der Stadt. Damals gab's noch nicht viele Arbeitslose. Heute hast du keine Chance mehr ohne Wohnung."
"Einen Entzug hast du nie gemacht?"
"Doch. Zweimal. Bin zusammengeklappt. Hab's aber nie geschafft wirklich aufzuhören. Hab mich irgendwie damit abgefunden, daß ich mich zu Tode saufe. Nein, nicht wirklich. Jetzt in diesem Moment würde ich aufhören. Was aber ist in einer Stunde? Man weiß nie, was in einer Stunde ist, oder?"

Er hielt die Tasse mit beiden Händen fest und schlürfte. Wir aßen eine Weile schweigend. Neue Gäste kamen hinzu, Asiaten, eine ältere Frau, die zwei alte schmutzige Plastiktüten trug, ein junges Pärchen in Ledermontur mit Schnürstiefeln. Die Frau trug wuchtige Ringe an den Fingern und eine schwere Metallkette um den Hals. Sie war kaum zwanzig, hatte eine zarte helle Haut. Ihr Freund war etwa gleich alt, die Haare auf der linken Seite bis auf einen Millimeter Länge rasiert, auf der rechten Seite lange Strähnen. Die Frau hatte grünviolett gefärbte Haare. Godi holte sich noch einen Kaffee, ich folgte ihm, drückte ihm eine Zehnernote in die Hand. Er nickte und fragte, ob ich auch noch etwas wollte. Ich setzte mich wieder. Er kam mit zwei Kaffees, verschüttete ein wenig und entschuldigte sich. Als er mir wieder gegenüber saß, zeigte er auf seine fehlenden Schneidezähne.

"Martin hat gesagt, daß er einen guten Zahnarzt kennt. Ich glaube ein Freund seiner Schwester."
"Wieso gehst du nicht in die Polyklinik?"
"War ich schon. Martin hat gesagt, er kenne den besten Zahnarzt der Stadt."
"Ist vermutlich auch der teuerste."
"Glaubst du, wenn ich dir helfe, Martin zu finden, daß er mir dann einen günstigen Tarif macht? Ich meine nicht ganz gratis, aber fast."
"Keine Ahnung. Ich kenne nur Martins Schwester. Nicht ihren Freund." "Ist nicht ihr Freund. Ich meine, die haben nichts miteinander. Der Zahnarzt ist schwul. Aber das stört mich nicht. Sei ein guter Typ. Und wenn Martin das sagt, dann stimmt das auch."
"Wo, glaubst du, kann ich Martin finden?"
"Vielleicht bei Anna. Ich glaube, er liebt sie. Das ist das Elend der Straße. Wenn du dich verliebst, dann garantiert in jemanden, dem es noch dreckiger geht, als dir selber. So kommst du nicht aus der Scheiße raus. Martin ist ein Träumer. Wahrscheinlich glaubt er, Anna von dem Dreck wegbringen zu können. Niemand kann das. Weg kommst du nur allein. Und auch das funktioniert meistens nicht. Die Drögeler kommen doch nie ganz weg vom Stoff, oder?"
"Weißt du, wie Anna mit Nachnamen heißt?"
"Anna? Nein. Hat keinen Nachnamen. Auf der Gasse hat niemand einen Nachnamen. Ist nicht nötig. Hat auch keine Briefkästen."

Er lachte und zündete sich eine Zigarette an. Im Gegensatz zu MacDonalds war bei dem Chinesen das Rauchen erlaubt. Es war kurz vor sechs, ich spürte eine satte Trägheit in meinen Gliedern. Der Geschmack der Zigarette war nicht unangenehm, er erinnerte mich daran, wie ich selber jahrelang vor einer Tasse Kaffee gesessen und geraucht hatte. Doch ich spürte kein Verlangen. Das ist das Unvorstellbare: daß man eines Tages kein Verlangen mehr verspürtK; daß man einfach nur dasitzen kann, ohne nervös an den Nägeln zu kauen, ohne Zahnstocher zu verspeisen. Ich erzählte Godi von meiner Qualmerei.

"Ja", sagte er. "Saufen und Rauchen ist das Schlimmste. Willst du aufhören zu rauchen, säufst du dafür mehr und im Suff rauchst du auch wieder. Und aufhören zu saufen ist noch was anderes. Eine verdammte Scheiße ist das. Weißt du, weshalb ich Martin so mag?" Ich zuckte mit den Schultern.
"Mit ihm kannst du dich stundenlang unterhalten. Einfach so. Über alles. Hast ja gesehen, wie die anderen sind. Was soll ich mit denen reden? Haben schon über alles geredet. Und sich immer über den selben Mist aufregen mag ich nicht. Also diese großkotzigen Reden mag ich auch nicht, so über Kultur und was weiß ich für Mist. Manchmal kommen so Leute von der Zeitung oder Studenten, die wollen alles wissen, wie du lebst, was du früher gemacht hast. Einer wollte von mir wissen, ob ich eine Lebensphilosophie habe. Einen Scheißdreck habe ich, habe ich zu ihm gesagt. Wenn du auf dem Scheißhaus sitzt, brauchst du auch keine Lebensphilosophie. Nur eine Rolle Toilettenpapier."

Wir saßen noch ein paar Minuten da und schauten aus dem Fenster. Der Bus hielt auf unserer Höhe. Die Passagiere die am Fenster saßen, sahen zu uns rüber. Einige wirkten unsicher, schauten wieder weg, oder an uns vorbei, andere starrten nur geradeaus auf einen Punkt, so als müßten sie sich mit den Augen an etwas festhalten. Sie kamen von der Arbeit, wollten nach Hause, andere waren ziellos unterwegs, um sich abzulenken, ein paar Stunden zu vergessen, was ihnen Kopfschmerzen und Bauchkrämpfe bereitet. Ein paar waren auch glücklich. Es muß immer auch ein paar glückliche geben. Gestärkt durch diesen Gedanken ging ich mit Godi zurück zur Bäckeranlage. Die Dicke und der Schweiger waren nicht mehr da. Dafür hörte ich Charly, der brüllte, neben ihm einen grauhaarigen dünnen Kerl in einem alten Militärmantel. Godi sagte, daß er noch ein wenig Tram fahren wolle. Die Stadt hatte ihm und den meisten anderen Pennern eine spezielle Jahreskarte geschenkt. Sie war nicht übertragbar und deshalb auch nicht handelbar. Und sie verhinderte, daß Leute wie Godi ständig vor dem Kadi landeten wegen Schwarzfahrerei.

"Ich fahre gerne im Tram herum. Auch wenn mich die Leute anstarren. Ich schaue einfach aus dem Fenster. Das ist fast wie Ferien. Und ich bin froh, wenn ich Charly aus dem Weg gehen kann. Er mag mich nicht und ich ihn nicht."
"Also, wo sollte ich denn mal anfangen zu suchen?"
"Schwierig. Die Drögeler sind in der ganzen Stadt unterwegs. An der Langstraße, überall im Kreis Cheib. Oder bei den Bahnhöfen, in der S-Bahn. Martin ist oft bei den Bahnhöfen. Er steht auf Eisenbahn. Versuch es mal beim Bahnhof Wiedikon, Martin war ab und zu da, vielleicht hat er sich dort jeweils mit Anna getroffen."
"Wenn du Martin siehst, rufst du mich an?" Ich gab ihm meine Visitenkarte, auf der auch die Nummer meines Mobiltelefons drauf war und dazu noch eine Taxcard für zehn Franken. Er nahm sie und lachte. "Die Dinger werden überall gehandelt. Ich kenne Leute, die den ganzen Tag nur Telefonkabinen abklappern und schauen, ob jemand die Karte vergessen hat. Du ahnst gar nicht, wieviel Leute ihre Karten im Schlitz lassen, weil gerade das Tram kommt, oder weil sie einfach den Kopf voll haben mit anderem Blödsinn." Ich gab ihm auch noch einen Hunderter, er schüttelte den Kopf, steckte das Geld aber in die Hosentasche.
"Du bist jetzt mein Angestellter Godi. Ich bezahle lausig, dafür kannst du dir die Arbeit selber einteilen."

Er stieg in ein Tram und winkte mir zu. Ich drehte mich um und ging in die andere Richtung. Die Gaßenküche lag ganz in der Nähe. Niemand hatte große Lust meine Fragen zu beantworten. Einer sagte immerhin, daß er Anna schon seit längerem nicht gesehen hatte. Ich ließ mir seine Anna beschreiben, ich hatte den Verdacht, daß er eine andere meinte. Tatsächlich reagierte ein anderer Junkie und sagte, daß noch eine andere Anna auf der Gasse sei. Ich zeigte ihm die Zeichnung, er zuckte bloß mit den Schultern. Er merke sich keine Gesichter. Die Anna, die er meinte, hatte er aber seit der Lettenschließung nicht mehr gesehen. Es dunkelte. Viel Zeit blieb mir nicht, aber genug, um wenigstens die Gegend um den Bahnhof Wiedikon abzugehen.

4.
Die Gegend gehörte nicht zu den attraktivsten Orten der Stadt. Starker Autoverkehr aus allen Richtungen, quietschende Trams und dazu ein düsterer Bahnhofsbau, der genau so gut ein altes Schlachthaus hätte beherbergen können. Seit dem Ausbau des Bahnnetzes und der Einführung der S-Bahn ist der Bahnhof zu neuem Leben erwacht, wie überhaupt die zuvor praktisch stillgelegten kleineren Bahnhöfe der Stadt wieder vom Pendlerverkehr frequentiert wurden. Manchmal lohnt es sich gar mit dem Zug von einem Bahnhof zum anderen innerhalb der Stadt zu fahren, weil man schneller ans Ziel kommt als mit dem Tram oder dem Bus. Vor dem Bahnhof standen ein paar junge Ausländer. Weiter hinten standen die Leute, die auf die Überlandbuße warteten, die Richtung Birmensdorf ins Säuliamt fuhren. Junkies konnte ich keine entdecken. Die jungen Ausländer sahen auch nicht unbedingt aus wie Dealer, aber das wollte nichts heißen. Ich erinnerte mich an ein Plakat, daß eine linke Gruppierung in der Stadt an Säulen und Wände geklebt hatte und auf dem stand: Nicht alle Ausländer sind Dealer. Vermutlich hatte das Plakat etwa gleich viel Erfolg, als wenn man irgendwo in der Dritten Welt ein Plakat mit der Aufschrift Nicht alle Schweizer sind reich aufgehängt hätte. Was sich einmal in die Köpfe eingebrannt hat, kriegt man so schnell nicht wieder raus, wahrscheinlich kriegt man es gar nicht mehr raus, man kann nur neues einbrennen und hoffen, daß es das andere ein wenig in den Hintergrund rückt. Ich ging auf die jungen Ausländer zu, es waren Kroaten oder Bosnier. Ich zeigte ihnen die Zeichnung. Einer schaute sich um und tippte mit dem Fingernagel auf die Zeichnung.

"Ist Freund von dir?"
"Nein. Seine Schwester sucht ihn."
"Ich nicht gesehen." Er fragte die anderen etwas in seiner Sprache. Eine kurze Diskussion entstand. Niemand hatte Martin Boxler gesehen. Es wäre auch zu schön gewesen.

Ich ging rüber zum Bahnhof, betrat die Halle, ging die breite Treppe runter zu den Geleisen. Die Beschreibung, die ich von Anna hatte, war vage. Vermutlich hätte sie an mir vorbeigehen können, ohne daß ich sie erkannt hätte. Ich konzentrierte mich darauf, nach Junkies Ausschau zu halten. Die meisten erkannte man an ihrem Äußeren, der Rest an ihren Blicken, der Art wie sie sich bewegten. Ich hatte eine Zeitlang in einem abbruchreifen Haus gelebt, in dem eine Menge Junkies wohnten. Die meisten lebten nicht mehr, einige waren vielleicht clean geworden, andere noch immer irgendwo auf der Gasse. Ich kaufte mir oben am Kiosk eine Packung Kaugummis. Steve stand direkt neben mir, aber es dauerte eine Weile, bis ich es realisierte. Steve arbeitete seit ein paar Jahren als Streetworker, ich kannte ihn nur vom Sehen. Jeder, der ihn nicht kennt, würde ihn selber für einen Junkie halten. Er ist beinahe eins neunzig groß und dünn wie der Pfosten einer Verkehrsampel. Seine dunklen Haare sind fettig und mittellang. Immer wenn ich ihn sehe, trägt er ein paar hellblaue Jeans, stonewashed, vermutlich sind es immer dieselben. Dazu ein weites T-Shirt und eine alte Lederjacke. Steve ist clean wie nur sonst was, er raucht nicht, trinkt nur Tee und ernährt sich vegetarisch. Und trotzdem sieht er seit Jahren schon aus wie ein Todkranker auf seinem letzten Spaziergang. Ich berührte seine Lederjacke.

"Ich bin Marco Biondi. Ich suche eine Fixerin die Anna heißt."
"Tatsächlich?" Er musterte mich. Er war einen Kopf größer als ich, aber vermutlich ein paar Kilo leichter. Seine Handgelenke sahen so aus, als würden sie nicht einmal einem Herbststurm standhalten.
"Und was willst du von der Anna? Sie bumsen?"
"Anna hat einen Freund. Er heißt Martin, und der ist seit drei Wochen verschwunden."
"Und wer bist du? Wie ein Ziviler schaust du nicht aus."
"Bin ich auch nicht. Ich habe der Schwester von Martin versprochen, ihn zu suchen."
"Verstehe. Machst ihr einen Gefallen. Möchtest bei ihr landen, ihr imponieren. Ein bißchen Detektiv spielen. Ist es nicht so?"
"Vielleicht. Kennst du Anna?"
"Weißt du, wieviel Junkies es in der Stadt hat? Auch jetzt noch? Die Szene ist voll von Annas, Marias, weiß der Teufel, weshalb sich die Girls ausgerechnet solch biedere Namen zulegen."
"Du glaubst, daß sie ihrem Freund einen falschen Namen angegeben hat?"
"Was weiß ich schon? Alles ist möglich. Kannst dir gar nicht vorstellen, was ich schon für Geschichten gehört habe. Und seit der Letten zu ist streunen nicht nur die Junkies und Dealer umher. Hab auch schon brave Papas gesehen, die verzweifelt nach ihrer Tochter gesucht haben. Pah. Die suchen nicht die Tochter, die suchen den billigen Spaß. Woher soll ich wissen, was du suchst? Ich kenne dich nicht." Ich hielt ihm die Zeichnung unter die Nase. Er schaute nicht richtig hin, begann auf den Füßen zu wippen. Ich wollte schon weitergehen, als er mit dem Finger schnippte.
"Gute Zeichnung. Ich kenne den Typ. Ja, er war ab und zu mit Anna zusammen. Ist aber kein Junkie. Die beiden sind ein Paar, schätze ich mal. Hab wenig mit Anna zu tun. Sie schlägt sich ganz gut durch. Will keine Hilfe. Hat sie mir wenigstens gesagt. Ich dränge mich nicht auf. Bringt auch gar nichts. Bin einfach da, wenn einer etwas von mir will. Ich habe mir nie Illusionen gemacht. Vielleicht bin ich deshalb noch dabei. Die anderen hören alle nach ein paar Jahren auf."
"Weißt du, wie Anna mit Nachnamen heißt?"
"Reber, wenn ich mich nicht irre. Ihre Eltern wohnen in Schwamendingen. Ihre Mutter kam ab und zu runter zum Letten und hat Anna saubere Kleider gebracht. Anna wollte nicht nach Hause. Die Mutter ist okay. Hab einmal lange mit ihr geredet. Der Typ auf der Zeichnung, du sagst, daß seine Schwester nach ihm sucht?"
"Ja. Er säuft und lebt zeitweise auf der Gasse."
"Hab ihn immer nur in Begleitung von Anna gesehen."
"Wann zuletzt?"
"Vor einem Monat oder so." Er tippte sich an den Kopf. "Hier drin habe ich ein paar Tausend Gesichter gespeichert, aber das mit den Zeiten ist so eine Sache. Kann dir nicht sagen, ob es drei oder fünf Wochen waren, aber sicher nicht länger." Ich bedankte mich bei ihm und ging in eine Telefonkabine. Das Telefonbuch darin war so zerrissen, daß ich gar nicht erst bis zum R blätterte. Die Kabine nebenan war besetzt. Ich ging nach oben, stieg in ein Tram und fuhr nach Hause.

Ich lebe in einer Zweizimmerwohnung an der Weinbergstraße, dazu teilte ich mir mit einem Journalisten ein Büro zwei Häuserblocks weiter. Ich machte mir einen Espresso und hörte den Beantworter ab. Drei Anrufe, aber keine Mitteilung. Ich fand die Adresse der Rebers leicht, es gab nur eine Familie Reber mit einer Telefonnummer, die Schwamendingen zugeteilt war. Ich schaute auf die Uhr. Kurz vor sieben, die Zeit, in der in den meisten Wohnungen gekocht wurde und sich die Ehemänner ein Bier gönnten. Es klingelte fünf mal, ehe Frau Reber abnahm. Ich sagte ihr, wer ich war und nach was ich suchte. Frau Reber sagte nichts. Ich glaubte schon, daß die Verbindung unterbrochen worden sei, dann hörte ich ein leichtes Knistern und Frau Rebers brüchige Stimme.

"Anna lebt nicht mehr."

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