Auf der Flucht

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Es regnete ununterbrochen und ein paar Rentner machten sich einen Spaß daraus, den Pegelstand des Sees im Auge zu behalten, um einer allfälligen Überschwemmung ihres Hobbykellers früh genug entgegenwirken zu können. Eine Nachbarin erzählte mir im Treppenhaus von der Sintflut und dass danach wieder Ordnung auf der Erde herrsche. Ich erinnerte sie daran, dass das schon beim ersten Mal nicht besonders gut geklappt hatte. Sie hörte mir nicht zu und suchte nach neuen Opfern für ihre biblischen Geschichten. Den Nachmittag verbrachte ich damit, mit aufgeweichten Schuhen durch die Stadt zu wandeln und nach einem Klienten, oder sonst etwas essbarem Ausschau zu halten. Es war Sonntag, irgendein festlicher, alle Restaurants waren geschlossen und die Bars öffneten erst am Abend. Ein Laienprediger flehte mich und ein paar andere durchnäßte Gestalten an, seinem Beispiel zu folgen. Außer ein paar trüben Aussichten aufs Paradies hatte er aber nicht viel zu bieten. Eine Frau bot ihm einen Schirm an, worauf der Mann lächelte und sagte, Gott sei sein Schirm. Die Frau schüttelte den Kopf und murmelte etwas, das wie Lungenentzündung klang. Ich ging weiter und aß an einem Imbisstand ein vom Regen aufgeweichtes Sandwich.

Es war kurz nach sieben an diesem trüben Herbstabend, als ich zurück in mein Büro ging und auf Herrn Zbinden traf, der nass und hustend im Treppenhaus auf mich wartete. Sein Blick irrte nervös umher, er atmete erleichtert auf, als er mein Büro betrat.

"Sie müssen mir helfen", sagte er. "Ich bin auf der Flucht."
"Dieses Schicksal teilen Sie mit Millionen anderen. Die meisten davon wären schon überglücklich, wenn sie mein Büro betreten könnten."
"Ich bin kein politischer Flüchtling. Die Polizei ist hinter mir her."
"Klingt übel. Was haben Sie denn angestellt?"
"Nichts", sagte er. "Ich habe nur meine Frau aus ihrem Büro abholen wollen."
"So weit ich informiert bin, ist das nicht strafbar."
"Ich habe sie nicht ermordet!" schrie er. Sein Adamsapfel hüpfte aufgeregt auf und ab und seine Hände zitterten, als er sich eine Zigarette anzündete. " Sie werden mich verdächtigen", sagte er. "Ich war am Tatort, ich habe die Tatwaffe berührt, ich habe kein Alibi und über-haupt..."
Er senkte seinen Kopf und schluchzte. Plötzlich heulte er auf. Er stand auf und wischte mit einer Hand über sein linkes Hosenbein. Er hatte sich die Zigarette vor lauter Schluchzen auf der Hose ausgedrückt. Ich tat so, als wäre nichts geschehen und lächelte.
"Schön der Reihe nach", sagte ich. "Sie haben Ihre Frau von der Arbeit abholen wollen? An einem Sonntag?"
"Das ist nicht ungewöhnlich. Sie hat oft an Wochenenden und bis tief in die Nacht gearbeitet. Ich musste sie manchmal richtiggehend von der Arbeit weg nach Hause ziehen. Sie hat viel zu viel gearbeitet in den letzten Wochen. Und dann das. Das Messer steckte in Ihrer Brust. Grauenhaft sage ich Ihnen, grauenhaft. Ich habe es instinktiv herausgezogen."
"Ein böser Fehler. In der Regel sollte man das Messer drin lassen, die Blutungen beginnen oft erst stärker zu werden, wenn die Waffe herausgezogen wird."
"Das wußte ich nicht", sagte er. "Sie war schon tot, da bin ich ganz sicher. Ich habe erst vor ein paar Wochen den Samariterkurs gemacht. Erste Hilfe und so. Aber da gab es nichts zu helfen."
"Wann fanden Sie Ihre Frau tot auf?"
"Vor etwa einer Stunde."
"Haben Sie die Polizei benachrichtigt?"
"Nein", sagte er. "Ich möchte nicht so enden wie Harrison Ford."
"Was haben Sie gegen Hollywood?"
"Nichts. Ich habe diesen Film gesehen. Doktor Kimble auf der Flucht. Ich möchte nicht, dass mir ähnliches widerfährt".
"Wieso? Am Schluss ist er doch ein freier Mann."
"Ja, ja. Aber erst nach all diesen Verfolgungsjagden und den Sprung ins Wasser. Das geht nicht. Ich bin Nichtschwimmer. Sie müssen mir helfen. Es würde genügen, wenn Sie die Fingerabdrücke von der Waffe entfernen könnten."
"Na hören Sie mal, so etwas macht unsereins nicht jeden Tag."
"Fünftausend", sagte er und stand auf. "Ich zahle Ihnen Fünftausend, wenn Sie mich aus der Sache raushalten."

Ich schaute gelangweilt aus dem Fenster. Der Regen klatschte an die Scheibe und eine matte Strassenlaterne schaukelte im Wind. Irgendwo auf dem Asphalt hörte ich wie fünftausend runde Einfrankenstücke einen Tanz aufführten. Ich sagte Zurlinden, dass er es sich in meinem Büro bequem machen sollte. Er gab mir die Adresse der Firma, bei der seine Frau arbeitete. Es war ein mittelgroßes Geschäftshaus neueren Baustils. In den oberen Stockwerken brannten ein paar Lichter. Es dauerte eine Weile, bis auf mein Klingeln ein Mann erschien und mich in sein Büro führte.

"Privatdetektiv? Arbeiten Sie für uns?"
"Nein", sagte ich. "Ich bin im Auftrag von Frau Zurlinden hier."
"Tatsächlich? Und wie lautet Ihr Auftrag?"
"Ich bin hier, um nachzuschauen, ob Frau Zurlinden noch lebt."
"Wieso sollte Sie nicht mehr leben? Büroarbeit ist nicht sonderlich gefährlich. Und mit rauchen hat sie vor drei Jahren aufgehört."
"Toll. Was für eine Firma ist das eigentlich?"
"Sicherheitstechnik", sagte er. "Herstellung und Vertrieb. Alles streng geheim. Deshalb dürfte ich Sie eigentlich gar nicht hereinlassen. Aber es ist so einsam hier. Ich arbeite häufig nachts. Meine Freundin ist Nachtschwester."
"Wird hier jeden Sonntag gearbeitet?"
"Selten. Zur Zeit aber hat die Firma sehr viele Aufträge und Unterkapazitäten, so steht es jedenfalls am schwarzen Brett. Oder sind es Überkapazitäten? Eigentlich egal. Spielen Sie Karten?" Erst jetzt roch ich, dass der Mann getrunken hatte. Er war untersetzt und breit wie ein Mittelklassewagen. Die Lederjacke die er trug spannte sich über seine dicken Muskeln.
"Wo ist Frau Zurlindens Büro?" fragte ich.
"Oben. Chefetage."
"Und wer ist der Chef?"
"Ein bisschen viel Fragen."
"Ist mein Beruf" sagte ich."
"Das ist wohl das Gegenteil von einem Pfarrer, oder? Die haben nämlich meistens nur Antworten."

Er fand das unheimlich komisch und fiel beinahe unter den Tisch vor Lachen. Anschließend klopfte er mir kumpel-haft auf die Schulter. Ich mochte das nicht und rammte ihm meinen rechten Ellbogen in den Magen. Er klappte zusammen und winselte, ehe ich ihm die Tastatur seines Computers auf den Kopf donnerte. Er landete flach auf dem Boden und der Computer gab ein freudiges Piep von sich. In der Chefetage traf ich tatsächlich auf eine Frau. Sie war allerdings alles andere als tot.

"Huch! Wer sind Sie? Was wollen Sie?"
"Antwort eins: Maloney Philip, Antwort zwei: Frau Zurlinden."
"Die ist nicht hier", sagte sie. "Ich bin Frau Wolf."
"Die Putzfrau?"
"Nein. Aber ich putze manchmal zur Entspannung die Büros."
"Um diese Zeit?" "Wann denn sonst? Tagsüber arbeite ich als Sachbearbeiterin."
"Und wo ist Frau Zurlinden?"
"Na wo wohl? Zu Hause, in der Oper, im Kino, bei ihrem Liebhaber oder sonstwo. Aber nicht hier. Wer hat Sie eigentlich hereingelassen? Dieses Gebäude wird bewacht."
"Der junge Mann aus dem unteren Stock war so freundlich."
"Girod? Das sieht ihm ähnlich. Dabei weiß er genau, dass das verboten ist. Er ist von einer privaten Überwachungsfirma. Eigentlich müsste er dafür besorgt sein, dass keine unbefugten Personen das Gebäude betreten."

Sie schaute mich herablassend und wütend an, tauchte den Putzlappen in den Eimer Wasser und Spülmittel und machte weiter mit der Spurenbeseitigung.

Ich ging nach unten. Girod schlief noch immer unter der Tastatur. Draußen vor dem Gebäude traf ich auf einen durchnäßten Mann. Es war Hugentobler. Er sah nass auch nicht besser aus als sonst.

"Sieh an, Maloney! Dann ist also doch etwas an dem anonymen Anruf dran."
"Was denn für ein Anruf?"
"Jemand will beobachtet haben, dass hier in der Strasse eine Leiche in einem Wagen abtransportiert worden ist."
"Und jetzt suchen Sie auf dem nassen Asphalt nach Spuren?"
"Niemand soll uns vorwerfen, dass wir nicht Hinweisen aus der Bevölkerung nachgehen. Niemand. Zudem wohne ich hier ganz in der Nähe. Schöne Gegend, finden Sie nicht, Maloney? Da hinten ist übrigens der größte Friedhof der Stadt. Also im Sommer hat es da viele Vögel und deren Gezwitscher hört man in den Strassen."

Er erzählte mir noch einige Geschichten aus seinem Quartier. Ich hörte nicht zu, nickte nur ab und zu mit dem Kopf und fluchte innerlich dar-über, dass man mit Polizisten nicht gleich umgehen konnte wie mit anderen Leuten, die einem auf die Nerven gingen. Er kostete das voll aus und laberte mir den nassen Kopf voll. Als er endlich ging tropfte der Regen von meinem Kinn in mein Hemd und rann langsam meine Brust runter. Ich tat, was ich in solchen Situationen immer tue: nach einem Taxi Ausschau halten. Bis endlich eines erschien, hatten sich weitere Hektoliter über mich ergossen.

Es war kurz vor Mitternacht. Mein Klient saß am Fenster und schaute auf die verregnete Strasse. Ich füllte zwei Gläser mit Whisky, doch Zurlinden lehnte das Angebot ab. Ich trank die beiden Gläser leer und fühlte, wie sich mein Magen in ein warmes Thermalbad verwandelte. Zurlinden stand auf und fragte mich, was er mich schon immer fragen wollte.

"Haben Sie die Spuren beseitigt?"
"War nicht nötig. Jemand war bereits dabei, den Boden zu schrubben."
"Wie bitte? War die Polizei schon da?"
"Nein. Eine Frau Wolf hat im Büro ihrer Frau sauber gemacht."
"Frau Wolf? Das ist die Sachbearbeiterin. Die putzt nicht."
"Vielleicht ist das Ihre heimliche Leidenschaft. Wer weiß schon genau, was fremde Frauen mögen?"
"Und meine Frau? Haben Sie die Leiche gesehen?"
"Nein", sagte ich. "Da war keine Leiche."
"Aber das ist unmöglich. Das war alles echt. Sie hatte keinen Puls mehr und das Messer steckte tief in ihr drin. Sie müssen mir glauben. Es war entsetzlich."
"Schon gut. Irgend etwas ist da faul. Ich werde mich Morgen darum kümmern."
"Morgen? Und was mache ich in der Zwischenzeit?"
"Keine Ahnung. Haben Sie keinen Fernseher zu Hause?"
"Ich kann doch jetzt nicht nach Hause gehen. Die Polizei kann jeden Moment auftauchen."
"Außer Ihnen glaubt niemand, dass Ihre Frau tot ist."
"Sie glauben mir also nicht? Sie glauben, dass ich spinne, oder was?"

Ehrlich gesagt, hatte Zurlinden damit nicht ganz unrecht. Ich sagte ihm, dass ich ihn Punkt neun besuchen würde. Er zog resigniert von dannen.

Insgeheim hoffte ich, dass sich die Sache von alleine erledigen und seine Frau irgendwann in der Nacht bei ihm auftauchen würde. Doch als ich mich nach ein paar Stunden Schlaf auf den Weg zu Zurlindens Wohnung machte, ahnte ich, dass seine Frau nicht aufgetaucht war. Zurlinden sah so aus, als hätte er kein Auge zugetan.

"Kunz hat vorhin angerufen und sich nach meiner Frau erkundigt."
"Wer ist Kunz?"
"Ihr Chef. Er hat sich gewundert, dass Sie nicht zur Arbeit erschienen ist."
"Haben Sie schon was von der Polizei gehört?"
"Nein", sagte er und wischte sich mit einem Papiertaschentuch über die Stirn. "Es ist verrückt. Je länger ich es mir überlege, desto verrückter kommt mir die Geschichte vor. Wissen Sie, ich hatte kein inniges Verhältnis mehr zu meiner Frau. Wir haben uns auseinandergelebt. Aber als ich sie gestern in ihrem Büro liegen sah, da war es, als ob jemand ein Teil meines Lebens zerstört hat. Das Messer. Es war so, als steckte es auch in mir drin."
"Vielleicht sollten Sie sich röntgen lassen", schlug ich vor. "Es kommt ab und zu vor, dass bei Operationen Messer und Gabel liegen gelassen werden. Einmal sollen sogar die Überreste einer Pizza im Körper einer Frau vergessen worden sein."

Zurlinden reagierte nicht. Er ging zur Stereoanlage, die mitten im Raum stand und ich befürchtete schon, einen Trauermarsch zu hören zu bekommen. Doch er drehte ab und landete nach einer leichten Kurve wieder vor mir.

"Hatte sie ein Verhältnis mit einem anderen Mann?", fragte ich.
"Möglich. Ich habe sie nie danach gefragt. Ihr Beruf hat ihr sehr viel bedeutet."
"Was hat sie genau gemacht?"
"Chiffriergeräte entwickelt. Sehr komplizierte Dinge."
"Für Geheimdienste?"
"Möglich. Sie durfte nicht darüber sprechen, auch nicht mit mir. Ich habe übrigens in ihrer Agenda einen Eintrag für heute gefunden. Sie hat um 12 im Hotel Metropolis eine Verabredung."
"Mit wem?"
"Steht nicht drin. Es steht nur, dass sie das Statistische Jahrbuch mitnehmen wollte."
"Das statistische Jahrbuch?" "Ja. In der Agenda steht: Statistisches Jahrbuch nicht vergessen."

Er zeigte mir die umfangreiche Agenda seiner Frau. Ich blätterte eine Weile darin herum, fand aber keinen weiteren Eintrag von Interesse. Ich sagte Zurlinden, dass er in seiner Wohnung warten solle und machte mich auf den Weg in das Geschäftshaus, indem sich alles abgespielt hatte.

Ich traf auf den Mann, den ich am Abend zuvor flach gelegt hatte und auf einen anderen Mann, der so aussah, als sei er in seinem Leben schon des öfteren auf der Schnauze gelandet.

"Das ist der Detektiv von Gestern abend", sagte Girod. "Was war eigentlich los? Ich kann mich an nichts mehr erinnern. Plötzlich wachte ich auf dem Boden auf und mein Schädel tat weh."
"Vermutlich ist Ihnen eine Flasche Tequila auf die Birne geflutscht", sagte ich.
"Aber es lag weit und breit keine Flasche Tequila herum."
"Vielleicht hat sie Ihr Computer leer gesoffen. Muss doch ganz schön trostlos sein, so ein Leben als Megabyte."
Jetzt mischte sich der andere in unsere nette Unterhaltung ein. Er fuchtelte mit einer Hand in der Luft herum und hob gleichzeitig Kopf und Stimme.
"Weshalb hast Du den Mann Gestern hereingelassen? Du weißt genau, dass wir so etwas nicht machen dürfen. Sie müssen wissen, dass wir einige sehr diffizile Unterlagen besitzen, Herr..."
"Maloney. Und Sie sind Kunz, der Mann, der Frau Zurlinden vermisst, nicht wahr?"
"Ja. Sie ist nicht zur Arbeit erschienen, obwohl wir heute eine wichtige Besprechung haben."
"Im Hotel Metropolis?" "Nein, hier im Haus. Zeig Herrn Maloney doch bitte den Ausgang. Ich glaube, er findet ihn alleine nicht." Girod nickte und Kunz ging.
"Tut mir leid", sagte Girod, "aber wir müssen vorsichtig sein. Wenn sich herumspricht, dass Krethi und Plethi bei uns aus und ein gehen, dann verlieren wir Aufträge."

Ich hätte ihn am liebsten gleich nochmals aufs Parkett befördert, doch ich hatte nichts im Magen und auf nüchternen Magen verprügle ich nicht gerne Idioten. Ich ging ausgiebig frühstücken, landete danach in einer Bibliothek und las in einigen Fachzeitschriften bis es kurz vor zwölf war. Dann machte ich mich auf den Weg ins Hotel Metropolis. Das statistische Jahrbuch hatte ich mir ausgeliehen. Ich trug es unter dem Arm wie eine Krankheit, die ich mir unterwegs aufgelesen hatte. Eine junge Frau schien das überhaupt nicht zu stören.

"Sorry", sagte sie, " ich glaube, wir sind miteinander verabredet."
"So, so? Und wie kommen Sie darauf?" "Sorry, wir hatten das doch so abgemacht mit dem Buch. Weshalb ist Frau Zurlinden nicht selber gekommen?"
"Sie ist leider unpässlich."
"Haben Sie das Material dabei?"
"Ja", sagte ich.
"Welche Seite soll ich Ihnen denn vorlesen?"
"Sorry, ich finde diese Witze nicht komisch."
"Deswegen brauchen Sie sich doch nicht dauernd zu entschuldigen."
"Sorry, ich glaube es ist besser, wenn Sie jetzt wieder gehen. Richten Sie Frau Zurlinden aus, dass ich solche Tests nicht mag. Wenn Sie mit uns ins Geschäft kommen will, dann bitte direkt und ohne dazwischen geschaltete Idioten."
"Ich stopfe Ihnen gleich sämtliche Statistiken des Landes in den Hals. Im übrigen gibt es noch andere Interessenten für das, was ich zu bieten habe."
"Vielleicht nebenan im Altersheim, aber nicht hier."

Ich schmiss ihr das dicke Buch an den Kopf. Sie duckte sich und das Buch flog über sie hinweg und landete auf der Brust eines Mannes, der durch den Aufprall das Gleichgewicht verlor und auf einen Kinderwagen stürzte, aus dem ein Baby auf den Boden plumpste. Die Mutter schrie entsetzt auf, doch das Baby lachte nur und wand sich vor Vergnügen auf dem Boden. Die junge Frau verließ das Hotel fluchtartig. Ich folgte ihr so gut es ging und es ging schlecht, aber immerhin, es ging. Als ich schon beinahe aufgeben wollte, sah ich, dass sie in einem Gebäude ver-schwand, das ich sehr gut kannte: Es war das Polizeipräsidium. Ich stand eine Stunde im Präsidium herum, ohne dass mich je-mand als Person wahrnahm. Ich trank einen Kaffee aus dem neuen Automaten und stellte verblüfft fest, dass die Brühe ausgezeichnet schmeckte. Hugentobler erschien frisch gestärkt von seiner Mittagspause.

"Muss das sein? Ich habe gerade erst begonnen das Mittagessen zu verdauen und jetzt kommen Sie, Maloney."
"Dann wird es höchste Zeit für ein kräftiges Dessert."
"Also gut. Wo steckt die Leiche?"
"Keine Leiche. Eine junge Polizistin. Blond, grüne Augen und beginnt fast jeden Satz mit Sorry."
"Sorry? Wo ist Ihnen die über den Weg gelaufen?"
"Berufsgeheimnis. Wie heißt die Dame?"
"Darf ich Ihnen nicht sagen. Sie ist Zivilfahnderin. Für spezielle Fälle."
"Betriebsspionage? "Einen Moment, Maloney. Setzen Sie sich. Kaffee?" Seine Freundlichkeit war unheimlich. Er verschwand in einem anderen Raum und kam mit einer Tasse Kaffee und der blonden Fahnderin zurück. Der Kaffee schmeckte scheußlich.
"Von meiner eigenen Kaffeemaschine. Diese Automatenbrühe kann man nicht schlucken, finden Sie nicht auch, Maloney?"
"Über schlechten Geschmack lässt sich nicht streiten. Ihre Geschmacksnerven sind aber in einem schlimmeren Zustand als die Fans von Michael Jackson."
"Sorry, aber was wollen Sie von mir?" Die Blondine schaute uns neugierig und herablassend an; mich weniger neugierig als den Polizisten, ihn dafür weniger herablassend als mich."
"Eigentlich nichts", sagte ich. "Aber Sie wollten etwas von mir."
"Sorry, aber darüber rede ich nicht."
"Sagen Sie es ihm", sagte Hugentobler. "Er lässt sowieso nicht locker."
"Uns lagen Informationen vor, dass Frau Zurlinden Regierungsgeheimnisse weiterverkaufte. Da wurde ich beauftragt, mit ihr ins Geschäft zu kommen." Sie verschränkte die Arme und schaute an mir vorbei.
"Was für Geheimnisse?", fragte ich.
"Sorry, das geht nicht über meine Lippen."
"Sie können es meinetwegen auch im Gaumen gurgeln", sagte ich. Hugentobler streckte eine Hand aus und trat zwischen uns. Er lächelte.
"Nicht so grob, Maloney. Die Frau kann Karate."
"Sorry, kann ich jetzt wieder gehen?"
"Aber natürlich." Hugentobler ließ es sich nicht nehmen, die Blondine an der Hüfte zu berühren, als sie sich umdrehte und wegging.
"Genügt Ihnen das, Maloney?"

Es genügte mir vorerst. Wenn es tatsächlich stimmte, dass Frau Zurlinden Staatsgeheimnisse weiterverkaufte, dann erstaunte es mich auch nicht, dass die Frau nicht mehr lebte. Ich beschloss, endlich Licht ins Dunkel zu bringen, kaufte mir eine Taschenlampe und marschierte geradewegs zu jenem Haus, aus dem man mich Stunden zuvor rausgeschmissen hatte. Die meisten Gebäude, in denen Sicherheit groß geschrieben wird, gehören zu den unsichersten auf Erden. Ganz einfach weil man sich so daran gewöhnt, ständig auf der Hut zu sein, dass man mit der Zeit überhaupt nicht mehr auf der Hut ist. Ich drang problemlos durch ein Seitenfenster ein und landete in den Fängen der heimlichen Putzfrau.

"Gut, dass ich Sie treffe", sagte Frau Wolf. "Mir wird es langsam unheimlich. Die wollen mich raus schmeißen. Girod haben sie schon gefeuert. Viel Geld haben sie ihm gezahlt. Mir haben sie auch Geld angeboten. Aber ich möchte nicht weggehen. Ich mag diese Arbeit."
"Weshalb haben Sie gestern nacht das Büro von Frau Zurlinden geputzt?"
"Herr Kunz hat mich angerufen. Zu Hause. Ich solle sofort kommen, es sei wichtig. Er drückte mir den Putzkübel in die Hand und sagte, es gehe um die Existenz der Firma."
"Lag Blut auf dem Fußboden?"
"Blut? Jesses! Ich dachte, das sei Tomatensaft." Sie schaute entsetzt auf ihre Hände, so als seien diese noch mit Blut befleckt.

Ich ließ sie stehen und ging zwei Stockwerke höher. Vor dem Büro von Kunz blieb ich stehen. Hinter der angelehnten Tür hörte ich ihn, einen jungen Mitarbeiter und meinen Klienten.

"Ein für allemal: Ihre Frau lag nicht tot in ihrem Büro", sagte Kunz.
"Wenn Sie weiterhin solchen Unsinn erzählen, werde ich dafür sorgen, dass sie auf einer Müllkippe landen, Herr Zurlinden."
"Genau", sagte der junge Mann, den ich nicht kannte. "Ihre Frau hat Sie verlassen. Sie haben es immer schon geahnt. Wir bezahlen Ihnen sehr viel Geld, wenn Sie das der Polizei sagen."
"Ich denke nicht daran", sagte Zurlinden. "Sie haben meine Frau umgebracht. Sie werden auch mich umbringen, wenn ich in das Geschäft einwillige."
"Blödsinn", sagte Kunz. "Dran glauben müssen Sie nur, wenn Sie stur bleiben. Ihre Frau ist tot, das lässt sich nicht mehr ändern. Sie war selber schuld. Sie hätte uns in den Ruin geführt."
"Ihre Frau war ein Sicherheitsrisiko", sagte der junge Mann. "Wenn herausgekom-men wäre, dass Sie geheimes Material weiterverkauft, hätte man uns sämtliche Aufträge gestrichen." Mein Klient hielt sich tapfer.
"Sie haben keine Chance", sagte er. "Ich bin nicht allein. Ein Privatdetektiv weiß alles. Er wird in wenigen Minuten hier sein."
"Ihnen ist nicht zu helfen, Zurlinden!" Kunz schlug sich mit der linken Faust in die rechte Hand. Seine Stimme wurde etwas leiser.
"Müller. Sei so nett und knalle den Kerl ab. Ich kann ihn nicht mehr sehen."
"Gerne Chef. Soll ich in den Kopf oder ins Herz schießen?" Ich spürte förmlich wie Zurlindens Herz bebte. Ich wollte mich gerade bemerkbar machen, um die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, als Schüsse fielen. Fast gleichzeitig hörte ich Hugentoblers Stimme.
"Hände hoch und an die Wand, aber ein bisschen plötzlich. Und Maloney! Kommen Sie doch auch herein. Hier drin ist es richtig gemütlich."

Pulverdampf hing in der Luft. Zurlinden saß zitternd in einer Ecke, Kunz sah teilnahmslos auf sein Pult und Müller starrte abwechslungsweise auf mich und die Pistole, die auf ihn gerichtet war. Der Polizist genoss die Situation sichtlich. Seine Kollegen stürmten mit Maschinengewehren bewaffnet ins Büro und legten Kunz und Müller Handschellen an. Ich unterhielt mich auf dem Flur mit Hugentobler.

"Vor einer Stunde wurde in einem Waldstück die Leiche von Frau Zurlinden gefunden. Ich kam sofort hierher. Weshalb hat uns niemand gesagt, dass die Frau vermisst wird?"
"Hätte das etwas gebracht?"
"Und ob, Maloney. Und ob. Ihnen brauche ich doch nicht zu sagen, dass strafrechtlich verfolgt werden kann, wer wissentlich vor der Polizei ein Verbrechen verheimlicht."
"Ach wissen Sie, es kann eine ganze Menge strafrechtlich verfolgt werden und dennoch laufen die größten Verbrecher ein Leben lang frei herum."
"Damit hätten Sie wieder einmal eine sozialkritische Fußnote angebracht. Ich persönlich sage dazu nur eines: Feierabend, Maloney." Er verschwand durch die Tür und ich blieb mit meinem Klienten zurück. Er zitterte noch immer und brachte kein vernünftiges Wort hervor. Ich erinnerte ihn daran, dass ich trotz der tragischen Umstände auch von etwas leben müsse. Er nickte stumm und lud mich zu einer Pizza ein.

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