Mord im Theater

bilder/buecher/Maloney2001.JPG

> zurück

Die Frau, die mich ins Theater bestellte, klang ein wenig hysterisch und ich machte mich auf Allerlei gefasst. Ich wartete im Regen vor einem Haus das aussah, als würde es demnächst einstürzen. Es verging eine Stunde ehe Frau Küng erschien und mich in ein Büro führte, das vollgestopft war mit muffigen Kleidern und idiotischen Requisiten.

"Wir sind sozusagen Off-Off-Off-Broadway. Drei Mäzene, die auch nicht mehr die jüngsten sind, halten uns die Treue, aber natürlich nicht mehr, wenn sich heraus stellen sollte, dass in diesem Theater Menschen umgebracht werden."
"Ich dachte immer, Bühnen seien für so etwas besonders gut geeignet."
"Bühnen schon, aber nicht die Garderobe. Einer unserer Darsteller wurde vor zwei Tagen tot aufgefunden."
"Mit einem Dolch im Rücken, wie es sich gehört?"
"Herzstillstand."
"Und wer oder was hat sein Herz gestoppt?"
"Die Polizei geht von einem natürlichen Tod aus. Doch einige der anderen Darsteller sind beunruhigt, aus Angst, es könnte ein Mörder in diesem Haus umgehen. Früher hat es hier gespukt."
"Hat sich Shakespeares Geist über die lausige Regie beschwert?"
"In diesem Haus lebte der Serienmörder Hagenbach. 19. Jahrhundert, er trank das Blut seiner Opfer."
"Verstehe. Wurde auch der tote Darsteller angezapft?"
"Keine geschmacklosen Scherze, bitte schön. Dies hier ist kein Komödienstadel. Wir sind die Avantgarde. Schauen Sie sich bei den Proben um, markieren Sie Präsenz, beobachten und melden Sie."
"Das kommt Sie teuer zu stehen."
"Wenn hier noch einmal etwas geschieht, kommt uns das noch viel, viel teurer zu stehen, glauben Sie mir."
Ich lächelte und zeigte ihr meine leere Brieftasche. Sie schaute sie interessiert an und öffnete einen rostigen Panzerschrank, in dem die wenigen guten Kritiken aufbewahrt wurden, sowie ein paar frische Hunderter, von denen sie mir gut ein Dutzend überreichte. Am nächsten Morgen erschien ich pünktlich zu den Proben und lief dem Regisseur voll ins Messer.
"Hier wird nicht herumgestanden. Entweder mitspielen oder nach Hause gehen."
"Dann gehe ich lieber wieder."
"Nein, nein. Warten Sie. Sie könnten den Part des schlechten Gewissen und der Moral übernehmen. Ursprünglich wollte ich diesen Part mit Adolf Muschg besetzen, weil der so gerne öffentlich leidet, aber für uns ist er leider viel zu teuer."
"Und was muss ich als schlechtes Gewissen tun?"
"Es genügt, wenn Sie ein wenig herum stehen. Das Ganze hat mehr symbolischen Charakter. So, laßt uns beginnen. Otto und Patrizia, bitte. Die Szene, in der das Liebespaar in einem Feld mit gentechnisch verändertem Soja steht und sich fragt, ob es sich angesichts des Ozonlochs noch lieben darf."
"Wenn sie sich mit Sonnencreme einschmieren, sollte das problemlos möglich sein."
"Es geht nicht um den Liebesakt, es geht um ethische Fragen. Denken Sie daran. Vielleicht sollte Otto von links ganz langsam auf die Bühne kommen, mitten durchs Publikum. Das ist dann wie bei Robert Wilson."

Der Regisseur wartete ungeduldig auf die Hauptdarsteller. Sein rechter Fuß wippte nervös und sein Gesicht rötete sich, ehe er mit bombastischer Stimme die Namen der Darsteller in den leeren Saal schrie. Schließlich erschienen die Mimen und ich tat, was ich in solchen Situationen immer tue: mich abwenden.

"Ophelia, erhöre mich. Das Heer wartet draußen vor der Stadt, es wird im Sturm unser Hab und Gut erobern. Nein, das ist nicht der richtige Text. Ich glaube, ich bin im falschen Stück. Allerdings. Es ist nicht zu fassen, er hat wieder seinen Text vergessen, er vergisst immer seinen Text. Wie soll ich den Sprung an den Broadway schaffen, wenn er immer seinen Text vergisst und ich nicht singen darf?"
"Solange ich Regie führe wird nicht gesungen. Los jetzt, ihr liegt im Feld."
"Wir liegen?" fragte Otto. "Darauf war ich nicht vorbereitet."
"In meinem Vertrag steht ausdrücklich, dass ich weder meine Titten noch meinen Hintern zeigen muss. Nicht an einer Provinzbühne."
"Eine Nacktszene muss aber sein, Patrizia. Wir brauchen etwas für die Pressefotos."
"Soll ich mich ausziehen?" fragte Otto.
"Damit nicht mal zur Premiere jemand kommt?" fragte Patrizia. "Vergiss es."
"Was macht eigentlich der Kerl da? Ist das ein Kritiker? Otto zeigte auf mich.
"Ich bin das schlechte Gewissen des Autors."
"Ich muss doch sehr bitten" schrie der Regisseur. "Ihre Rolle ist stumm. Otto und Patrizia, macht endlich, legt euch ins Feld, äh ins Zeugs."
"Ja! Ich hab den Text wieder. Ich will dich, ich brauche dich, oh komm, laß uns ein gentechnisch unverändertes Kind zeugen."
"Hier? Mitten in diesem Feld?"
"Wir müssen dem Gen-Sonja unsere eigene Natur entgegen halten. Das ist unser Widerstand, das ist unsere Rebellion."
"Im Namen der gentechnisch veränderten Beamten, Sie sind verhaftet." Hugentoblers Auftritt war phänomenal. Er trampelte auf die Bühne und ruderte mit den Armen.
"Das darf doch nicht wahr sein", rief ich begeistert.
"Stopp. So geht das nicht. Sie haben keinen Text, begreifen Sie das endlich."
"Genau, Maloney! Da staunen Sie. Man hat mich angefragt, hier aufzutreten, weil ich besser bin als all die schlechten Schauspieler, die versuchen Polizisten zu spielen."
"Ihr Einsatz war zu früh", tadelte der Regisseur.
"Wieso? Auf meinem Textblatt steht: Auftritt Polizist."
"Natürlich steht das da, aber doch nicht in dieser Szene."
"Was ist los?" fragte Patrizia verwirrt. "Gibt es eine Pause?"
"Oh ja", freute sich Otto. "Ich brauche einen Schluck."
"Sie treten auf, um das Kapitalistenschwein zu verhaften", sagte der Regisseur zu Hugentobler. "Sehen Sie hier irgendwo ein Kapitalistenschwein?"
"Wieso schaust du mich an?" fragte Otto.
"Wo ist Bruno?" schrie der Regisseur und schaute sich um.
"Er müsste längst da sein. Kann nicht mal jemand in der Garderobe nach ihm schauen?"
"Ich könnte seine Rolle auch übernehmen", sagte Otto.
"Sie sagen ja gar nichts mehr, Maloney. Sind Sie sprachlos, weil Sie meinen Auftritt gesehen haben? Sie müssen zugeben, Maloney, dieser Derrick ist schwach im Vergleich mit mir. Im Film wäre ich natürlich noch viel wirkungsvoller." Ich drehte mich um und folgte Otto, der sich auf den Weg in die Garderobe machte.

Meine Klientin war nirgendwo zu sehen, vermutlich lag sie in ihrem Büro und las all die Verrisse, mit denen ihr Theater regelmäßig beehrt wurde. Bruno, der dazu auserkoren war, das Kapitalistenschwein zu spielen, lag derweil einsam in der Garderobe. Sein Oberkörper war nach vorne gekippt, sein Gesicht lag auf einem riesigen Käsesandwich. Hugentobler stand im Büro von Frau Küng, die erst nach mehreren Cognacs wider ansprechbar war. Die Leiche des toten Darstellers war bereits abtransportiert worden und die anderen Mimen warteten auf der Bühne.

"Üble Sache, Maloney. Zyankali."
"Ich habe es geahnt. Das ist das Ende. Meine Mäzene werden abspringen und mir bleibt nur der Sprung aus dem 12. Stock."
"Dieses Haus hat höchstens 4 Stockwerke", sagte ich.
"Das ist mein Glück."
"Bevor Sie springen, Frau Küng, benötige ich ein paar Angaben. Hatte der ermordete Schauspieler Feinde?"
"Natürlich. Alle anderen Schauspieler. Aber das ist ganz normal."
"Ich dachte, hinter der Bühne lebt es sich wie in einer Familie?" Hugentobler kratzte sich Schuppen von Kopf.
"Opa missbraucht die Enkelin und Papa wird von Mama vergiftet. Es geht nichts über das Familienleben."
"Sie wissen genau, was ich meine, Maloney. Die Anspannung auf der Bühne, das Publikum, das muss doch zusammen schweißen. Bei einer Schauspieltruppe muss jeder für jeden da sein. Gemeinsam wird jede schlechte Kritik erträglich."
"Unser Haus bekommt praktisch nur schlechte Kritiken, doch das hindert die Darsteller nicht, ständig zu intrigieren", sagte Frau Küng.
"Paul, das ist der Ermordete, er war einer der Schlimmsten. Er schrieb sogar unter falschem Namen Leserbriefe in denen er die Regisseure diffamierte."
"Da haben wir es, Maloney. Der Regisseur hat ihn umgebracht. Wo ist der Kerl? Ich verhafte ihn auf der Stelle." Er eilte aus dem Büro, stolperte die Treppe hinunter und riss dabei eine Seite des Treppengeländers mit in die Tiefe. Fluchend rappelte er sich wieder auf und hinkte zum Bühneneingang.

Die Mimen und der Regisseur saßen einträchtig auf wackligen Stühlen.

"Ausgerechnet eine Woche vor der Premiere. Wo kriege ich jetzt einen Schauspieler her, der das Kapitalistenschwein spielt?" Otto lächelte.
"Vor zwölf Jahren spielte ich einmal eine Doppelrolle als Mönch und als Schlagersänger. Das Publikum war begeistert."
"In meinen Stücken gibt es keine Doppelbesetzungen, aus Prinzip nicht, das ist billig und unwürdig."
"Bevor ich Sie verhafte möchte ich gerne von Ihnen ein paar Dinge wissen."
"Geil" freute sich Patrizia, "jetzt gibt es ein Verhör."
"Nur zu. Ich habe nichts zu verbergen."
"Wie war ich?" fragte Hugentobler leise.
"Wie bitte?"
"Er möchte wissen, ob er demnächst mit einem Oskar rechnen darf als peinlichster Polizistendarsteller." "Sie halten den Mund, Maloney. Also, wie war ich, seien Sie ehrlich."
"Grauenhaft waren Sie, kein Gefühl für Bewegung und diese entsetzliche Stimme."
"Das nennen Sie ehrlich, Sie Regisseur, Sie? Ich werde dafür sorgen, dass Sie im Gefängnis die kleinste Zelle bekommen die erhältlich ist."
"Ich habe Paul noch gesehen, wir unterhielten uns in der Garderobe ganz kurz. Er war irgendwie anders, netter als sonst." Otto zog alle Aufmerksamkeit gekonnt auf sich.
"Weshalb sagen Sie das erst jetzt?" fragte ich.
"Es ist mir erst jetzt wieder eingefallen. Manchmal fällt mir mitten in der Nacht ein Text wieder ein, doch auf der Bühne erinnere ich mich nur daran, was auf meiner Einkaufsliste steht."
"Wieso verhört mich keiner?" fragte Patrizia. "Ich habe Paul eine geknallt Gestern, weil er mich eine Schlampe nannte."
"Das ist interessant", fand Hugentobler. "Hat er Ihnen nachgestellt?"
"Nein. Er glaubte, dass ich mit Otto etwas habe. Aber ich habe nichts mit Otto."
"Und ich dachte schon, das hätte ich auch vergessen."
"Wir können die Premiere nicht verschieben", sagte der Regisseur. "Frau Müller-Meilenstein hat sich angemeldet. Sie ist eine der profiliertesten Theaterkritikerinnen. Ich verehre diese Frau."
"18 mal hat sie mich schon verrissen", sagte Otto. "Patrizia hat sie nahegelegt sich in der Bar um die Ecke einen Job zu suchen."
"Das liegt nur daran, dass ich nie singen darf. Da liegt meine wahre Stärke."
"Irgendwo muss sie ja liegen, nicht wahr?" sagte Otto maliziös.

Der Regisseur umkreiste alle Darsteller und blieb vor Hugentobler stehen.

"Frau Müller-Meilenstein hat sicherlich nichts dagegen einzuwenden, wenn ich den Part des Paul bei der Premiere übernehme. Sie hat Paul nämlich gehasst, weil sie ihn einmal geliebt hat."
"Sie liebt ihn immer noch, deshalb schreibt sie so ätzend über ihn", sagte Patrizia.
"Das stimmt nicht, sie liebt ihn nicht mehr. Ist jetzt auch egal. Hauptsache die Premiere geht nicht in die Hose. Ich bin sicher, das wird mein Durchbruch als Regisseur."
"Sie erkennen nicht einmal eine schauspielerische Glanzleistung die direkt vor ihrer Nase stattfindet", sagte Hugentobler beleidigt. "Ich jedenfalls suche mir eine größere Bühne für mein Talent. Was meinen Sie, Maloney?"

Ich meinte gar nichts und besuchte die Kritikerin, die angeblich noch immer in den ermordeten Mimen verliebt war. Sie empfing mich in einer geräumigen und geschmackvoll eingerichteten Wohnung, an deren Wänden, teurer eingerahmt, ihre schönsten Verrisse hingen.

"Diese Bühne müsste man schließen, sie dient niemanden, vor allem nicht dem Theaterpublikum."
"Weshalb haben Sie dann nicht versucht Paul an einer besseren Bühne unterzubringen?"
"Ganz einfach: Weil er kein Talent hatte. Er war begeisterungsfähig, aber das war auch schon alles. Er hat mir alle Klassiker vorgespielt, wenn ich in seiner Wohnung war. Entsetzlich."
"Im Theater munkelt man, dass Sie ihn noch immer lieben."
"Das ist Unsinn. Er tut mir leid, er hat diesen frühen Tod nicht verdient. Aber ich empfand nichts mehr für ihn, schon lange nicht mehr."
"Gehen Sie an die Premiere des neuen Stücks?"
"Kommt es denn überhaupt zur Premiere nach den Vorfällen?"
"Der Regisseur besteht darauf."
"Stauber? Der taugt ebenfalls nichts. Alles nur Oberfläche, kein Tiefgang. Dieser Mann geht nie an die Schmerzgrenze. Ich erwarte mehr Leidenschaft."
"Wann waren Sie das letzte Mal in dem Theater?"
"Ist das jetzt ein Verhör? Es ist kein Geheimnis, der Verriss hängt irgendwo in der Küche. Das letzte Stück war der absolute Tiefpunkt. Paul war entsetzlich schlecht und die anderen gaben sich Mühe, ihn dabei zu übertrumpfen. Zur Premiere kamen zehn Leute, drei davon waren ältere Herren, die den falschen Eingang erwischt hatten, und eigentlich in die Peepshow nebenan gehen wollten. Die drei getrauten sich nicht herauszugehen und blieben bis zum Schluss. Alle anderen getrauten sich herauszugehen, mich eingeschlossen."

Sie bot mir einen teuren Whisky an, den ich nicht ablehnte. Während ich trank las sie mir aus ihren Kritiken vor, was dem edlen Getränk einen scheußlichen Beigeschmack gab. Müde und deprimiert verließ ich ihre Wohnung, ging in mein Büro und schlief eine Stunde unter meinem Schreibtisch. Als ich erwachte, stand der Mime Otto in meinem Büro und zitterte.

"Sie ist es, sie hat es getan."
"Wer hat was getan?"
"Patrizia, meine Bühnenpartnerin, sie hat Paul umgebracht und auch den alten Fritz, sie hat es zugegeben."
"Wann und wo?"
"In der Garderobe, als sie sich umzog. Ich sah ganz zufällig, wie sie sich auszog, na ja, und ich dachte in der ganzen Aufregung ist es wichtig, dass man sich gegenseitig und so. Sie wissen schon was ich meine. Doch als ich sie berührte schrie sie los, ich solle sie in Ruhe lassen, sonst geht es mir wie den anderen beiden Lustmolchen."

Es dauerte lange, bis er sich wieder beruhigt hatte. Ich bot ihm an, ihn zur Polizei zu begleiten, doch er weigerte sich, mein Büro zu verlassen. Da ich keine Lust hatte mir seine Gejammer noch länger anzuhören, schmiss ich ihn raus und machte es mir gemütlich. Ich wurde nur ab und zu durch das Gewimmer im Treppenhaus gestört. Die junge Schauspielerin Patrizia wohnte in einer Wohngemeinschaft, deren Küche einem Schlachtfeld glich. Sie bot mir einen Schnaps an, fand jedoch weder ein sauberes Glas, noch den Schnaps. Sie brühte sich kalten Kaffee auf, dessen Gestank schon bald den ganzen Raum verpestete.

"Das war doch nicht ernst gemeint. Es ging mir nur darum, den Kerl ein wenig einzuschüchtern. Er rückte mir immer näher auf den Leib während der Proben. Zum Glück habe ich keine Kusszene mit Otto. Ich finde ihn widerlich."
"Und was war mit Paul? Hatten Sie mit ihm außerbühnische Kusszenen?"
"Ich bin keine Schlampe, auch wenn Paul mich für eine hielt. Ich lebe ein ganz normales Leben. Dieses alberne Schauspielergehabe geht mir auf die Nerven."
"Und trotzdem träumen Sie davon am Broadway zu singen und zu tanzen?" "Ich singe gerne und ich singe gut. Nur hat das außer mir noch niemand bemerkt."
"Wer aber hatte ein Interesse daran Paul umzubringen?"
"Otto natürlich. Er würde am liebsten alle Rollen selber spielen. Er träumt davon eines Tages in einem Stück zu spielen; mit 10 Rollen aber nur einem Schauspieler. Dabei ist er schon unerträglich wenn er einen Kurzauftritt hat."

Otto lebte in einer kleinen Dachkammer im Norden der Stadt. Die Wände waren mit Fotos seiner Durchlaucht Otto dem Großen tapeziert. All die Posen wirkten auch nicht besser, als das, was ich zuvor von ihm auf der Bühne gesehen hatte. Er bot mir nichts an.

"Mein Problem war schon immer meine Libido. Es ist mir nie gelungen, meine sexuelle Energie auf die Bühne zu bringen."
"Ihre Bühnenpartner sind Ihnen dafür sicherlich dankbar."
"Sie missverstehen mich. Es geht mir nicht darum, Sex auf die Bühne zu bringen, sondern die sexuelle Energie in Schauspielernergie umzuwandeln. Aber es ist so schwierig. Ich habe mit Bodybuilding begonnen und komme mir dabei so lächerlich vor wie all die sechzig jährigen, die wie Idioten Krafttraining machen, damit ihr alter Bauch schön flach bleibt. Ich schlucke sogar Steroide, weil ich gehört habe, dass man davon impotent wird. Vielleicht gelingt es mir so, mich voll und ganz auf die Bühne zu konzentrieren. Die ganze Kraft die in mir steckt, manchmal spüre ich sie, aber leider meistens wenn ich hier sitze, und weit und breit keine Zuschauer da sind."
"Haben Sie Paul umgebracht, um an seine Rolle zu kommen?"
"Ach was. Hat Patrizia das gesagt? Sie versteht überhaupt nichts, sie ist viel zu jung. Erst mit der Reife kommt die Weisheit und leider auch der Haarausfall. Früher hatte ich eine Mähne wie ein Löwe, jetzt habe ich noch genau 256 Haare. Ich zähle sie täglich. Gestern war es noch eines mehr."

Er streichelte sanft seine verbliebenen Haare, die wie einzelne Putzfäden quer über seinen Schädel liefen. Ich verabschiedete mich und besuchte meine Klientin in ihrem muffigen Büro. Sie überprüfte die Einnahmen der vergangenen zwei Monate. Ich tröstete mich damit, dass es offenbar Geschäfte gab, die noch schlechter liefen als mein eigenes. Frau Küng öffnete das Fenster und atmete tief durch.

"Letztes Jahr verkauften wir zwei Dauerkarten. Jemand verschenkte sie, ohne dass die Plätze je einmal besetzt waren während der ganzen Saison. In diesem Jahr haben wir immerhin schon 85 Einzelkarten verkauft. Das ist nicht schlecht bei 70 Vorstellungen."
"Wirklich beeindruckend. Vielleicht sollten Sie ihre Bühne in eine Einzimmerwohnung verlegen, damit sich die Zuschauer nicht so verloren vorkommen?"
"Es werden wieder bessere Tage kommen. Das gibt es doch nicht." Sie beugte sich zum Fenster vor.
"Was ist los? Stehen zwei Zuschauer Schlange, um an ein Ticket zu kommen?"
"Ich sah gerade wie Frau Müller-Meilenstein das Haus betrat. Das ist seltsam, heute sind weder Proben, noch habe ich eine Pressekonferenz anberaumt."
"Vielleicht möchte die Kritikerin noch einmal die Garderobe betreten, in der ihr ehemaliger Goldschatz starb."
"Das ist doch schon so lange her. Sie hat Paul nicht mehr gemocht und ist deshalb kaum noch in unser Theater gekommen. Ich hoffe nur, Sie macht keine Dummheiten. Sabotage oder so. Die Frau ist unberechenbar. Sie ist genauso wie sie schreibt: pures Gift."

Wir gingen gemeinsam nach unten und hörten schon bald Geräusche, die uns zum Bühneneingang leiteten. Ein einziger Scheinwerfer beleuchtete die Bühne und in dessen Lichtkegel stand der Regisseur Stauber, sein Blick in die leeren Zuschauerränge gerichtet. Frau Müller-Meilenstein saß in der fünften Reihe und schaute etwas irritiert auf Stauber, der offenbar von der Bühne herab auf sie einredete. Wir setzten uns neben die Kritikerin.

"Endlich hast du mich erhört. Inszeniert habe ich, Stück um Stück, mein Herzblut gegeben nur um dir zu gefallen, doch du hast mich verrissen Mal um Mal, mich einen lausigen Regisseur geschimpft, jetzt aber sitzt du da und hörst mir zu, hörst wie mein Herz laut schlägt und ich, oh je, jetzt habe ich den Text vergessen."
"Das ist grauenhaft, absolut grauenhaft. Schreiten Sie ein, er soll damit aufhören, es ist eine Qual."
"Weshalb sind Sie überhaupt gekommen?" fragte Frau Küng die Kritikerin.
"Er hat mich angerufen und gesagt, dass er mir ganz alleine den Mörder von Paul präsentieren werde. Heute abend, hier im Theater."
"Aber er ist allein. Ich sehe keinen Mörder."
"Er hat seinen Text vergessen", sagte ich.
"Otto?" fragte Frau Küng.
"Stauber", sagte ich. "Er hat sein Geständnis nicht richtig auswendig gelernt."
"Er hat Paul umgebracht?" fragte die Kritikerin. "Aber warum?"
"Jetzt weiß ich den Text wieder. Entschuldige, meine Liebe, die Aufregung, die Aufregung."
"Im Namen der gentechnisch veränderten Beamten, Sie sind verhaftet."
"Was soll das?" rief Stauber Hugentobler zu.
"Sie wurden abgesetzt, entlassen. Verschwinden Sie, das ist meine Bühne, meine Nacht, die Nacht der Liebe."
"Jetzt reicht es aber" schrie Frau Küng. "Kommen Sie mit. Wir müssen ihn zur Vernunft bringen."

Sie stand auf und schritt energisch zur Bühne. Regisseur Stauber lächelte verkrampft als er realisierte, dass sich die kleine Bühne langsam bevölkerte. Schließlich standen wir alle um den Lichtkegel versammelt. Der Polizist begriff immer noch nicht, dass niemand auf seinen Einsatz gewartet hatte.

"Ich habe meine Rolle noch einmal überdacht und total neu interpretiert. Ich weiß jetzt, was ich falsch gemacht habe. Etwas mehr de Niro muss es sein. Schimanski ist auch nicht schlecht und dazu noch ein Tupfer Columbo. Damit werde ich weltberühmt."
"Schafft ihn weg, ich ertrage das nicht. Ich wollte dir meine Liebe offenbaren, ganz unter uns und jetzt zerstört diese Meute den ganzen Zauber."
"Jetzt hören Sie endlich auf damit, Stauber", sagte die Kritikerin verächtlich. "Sie sind ein miserabler Regisseur."
"Ich weiß. Heirate mich und ich werde nie wieder ein Stück inszenieren."
"Na los, geben Sie sich einen Ruck", sagte Frau Küng. "So elegant werden wir ihn nie mehr los."
"Sie werden ihn noch viel eleganter los", sagte ich. "Lebenslänglich."
"Genau, Maloney. Und was hat er verbrochen?"
"Zwei Morde. Er hat zwei Schauspieler ermordet. Aus Leidenschaft."
"Aus Leidenschaft zwei Männer ermordet? Dann sind Sie schwul und wollen diese Frau hier heiraten? Das verstehe ich nicht."
"Sie hat immer geschrieben, dass ich nicht bis zum Äußersten gehe, dass meine Regie zu spröde sei, dass sie zu wenig Leidenschaft spüre. Ich wollte dir zeigen, wie leidenschaftlich ich sein kann. Ich habe es getan. Heirate mich."
"Das ist viel schlimmer als all die schlechten Aufführungen die er auf seinem Gewissen hat. Dieser Mann ist eine Plage. Weg mit ihm."
"Was für ein Skandal", freute sich Frau Küng. "Die Mäzene werden abspringen, aber das Publikum wird kommen. Ich werde dafür sorgen, dass die Bühne in blutrotes Licht getaucht wird und danach eine Erklärung verlesen."
"Sind denn jetzt alle bescheuert?" fragte ich resigniert.
"Das ist Theater, Maloney. Davon verstehen Sie nichts." Hugentobler wandte sich lächelnd dem Regisseur zu.
"Möchten Sie noch etwas sagen, bevor ich Sie aufs Schafott führe?"
"Oh ja. Wer selber kein schlechtes Stück auf sich geladen, der werfe den ersten Peter Stein."

Wir standen andächtig auf der Bühne, bis ein lauter Knall den Scheinwerfer außer Gefecht setzte. Im Dunkeln tasteten wir uns aneinander vorbei. Als endlich jemand eine Taschenlampe aufblitzen ließ, kauerten der Regisseur und die Kritikerin eng umschlungen auf den alten Brettern. Sie hatten sich doch noch gefunden. So geht das.

Alle Rechte beim Autor, Nachdruck und Veröffentlichung sind nicht erlaubt.

> zurück