last minute

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Kapitel 1
Als Erstes hörte er die Glockenschläge.
Schwere Glockenschläge in seiner Nähe. Zwei Stundenschläge und Tageslicht. Er sah zur Decke, schaute sich im Zimmer um und wunderte sich. Wie oft war er schon in einem Hotelzimmer aufgewacht und sofort war eine gewisse Vertrautheit da? Diesmal war nichts da. Er stand auf, spürte einen leichten Schwindel und stützte sich am kleinen Fernseher ab, der vor dem Bett stand. Das Zimmer war nicht besonders groß, die Ausstattung durchschnittlich. An der Wand ein Druck, zwei Engel, Michelangelo. Ein möglicher Hinweis. Florenz vielleicht? Weshalb aber war er in Florenz, weshalb war er in einem Hotelzimmer? Hingen nicht in unzähligen Hotelzimmern dieser Welt solche Drucke an den Wänden? Er schloss die Augen und hoffte darauf, dass die Erinnerung langsam zurückkehrte. Doch er sah sich nur in einer vertrauten Umgebung mit vertrauten Menschen. Nichts, das mit diesem Zimmer zu tun hatte. Als er sich wieder umsah, war das Zimmer noch immer kalt und abweisend, so als wäre es nicht für ihn bestimmt. Er vernahm ein dumpfes Geräusch aus einem anderen Raum und glaubte Stimmen zu hören. Oder war es nur eine Erinnerung an die vergangene Nacht? Ein Gespräch in einer Bar: Ein Mann und eine Frau, die sich auf Englisch unterhielten. Die Erinnerung verursachte Kopfschmerzen, heftige, pochende Kopfschmerzen. Er schnupperte an seinem Hemd. Parfüm und Zigarettenrauch. Neben dem Telefon stand eine Flasche Bier, halb leer, ein belgisches Bier. Kein Trinkglas. Aber ein weiterer Anhaltspunkt.

»She's wearing a red leather jacket.«

Der Satz war da wie aus dem Nichts. Die Stimme klar, eine rauchige Frauenstimme und dazu ein Augenpaar, das ihn amüsiert musterte. In seiner Vorstellung sah er die Frau, hörte sie sprechen, verstand aber nichts, nur diesen einzigen albernen Satz über die Lederjacke. Er atmete tief ein und spürte wieder einen leichten Schwindel. In seinem Gaumen schmeckte er Magensäure, so als wäre er kurz davor, sich zu übergeben. Schon eine leichte Kopfbewegung verursachte einen durchdringenden Schmerz. Er überlegte, ob er Aspirin dabei hatte, doch allein der Gedanke war unsinnig, wusste er doch nicht einmal, weshalb er in diesem Zimmer war.

Er schaute auf seine Hände, die leicht zitterten. An den Fingerkuppen der rechten Hand entdeckte er verkrustetes Blut. Wohl vom Nasenbluten, dachte er. Das flaue Gefühl im Magen ließ ihn kurz innehalten. Frische Luft, dachte er und sah zum Fenster, das, nur wenige Schritte entfernt, ihm unerreichbar schien. Er schloss die Augen, drückte mit dem Mittel- und Zeigefinger seiner rechten Hand beide Schläfen, bis er glaubte, dass der Schmerz jetzt etwas nachließ. Schließlich ging er zum Fenster, öffnete es. Sofort fühlte er sich besser. Es war warm und ein angenehmer Wind wehte. Unten eine schmale Gasse, leicht bekleidete Touristen. Gegenüber ein Kleidergeschäft und daneben ein Coffeeshop, auf dem Schild gezeichnete Cannabisblätter. Holland. Eine größere Stadt. Er war schon einige Male in Amsterdam gewesen, aber auch in kleineren Städten wie Leeuwarden oder Groningen. Er suchte die schmale Gasse ab, konnte aber keine Hinweisschilder erkennen, die etwas über die Stadt verrieten. Immerhin, dachte er. Er war in Holland, hatte aber keine Ahnung weshalb und auch nicht wie lange er schon da war. Einen Moment lang lächelte er, doch sein Lächeln schwand. Er war sehr beunruhigt und zu sehr schmerzte sein Schädel.

Er schaute sich im Zimmer um, suchte nach einem Stadtplan, nach einem Flugticket, doch er fand nichts. Er öffnete die Schranktür und erschrak. Er wusste sofort: Diese Kleider gehörten nicht ihm. Ein Leinenanzug, zwei Shirts, Jeans, Schuhe, Unterwäsche. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er angezogen geschlafen hatte, auf dem Bett, die Decke war nicht zurückgeschlagen. Er sah das Jackett, das über einen Stuhl hing. Sein Jackett. Er fand sein Handy, einige Euroscheine, die Kreditkarte und eine Magnetkarte, wie man sie für Hotelzimmer verwendete. Auf der Magnetkarte war weder die Zimmernummer noch der Name des Hotels aufgedruckt. Was sicherheitstechnisch vermutlich auch einen Sinn ergab. Er ging zur Tür, öffnete sie, lauschte und als er keine Stimmen und keine Geräusche vernahm, versuchte er es mit der Karte. Sie passte in den Schlitz, doch er wagte es nicht, die Tür von außen zu schließen, um den Mechanismus zu testen.

Er ging zurück ins Zimmer, schaute sich genauer um. Neben dem Fernseher fand er den schmalen Ordner, der Informationen über das Hotel enthielt. Der Name des Hotels sagte ihm nichts, aber er wusste nun, dass er sich in Amsterdam aufhielt. Er versuchte sich zu erinnern, doch der Versuch ließ einzig die Kopfschmerzen heftiger werden. Er blickte in den Spiegel, der an der Wand hing. Fredy Barmettler, siebenundreißig Jahre alt, geschieden, Sachbuchautor. Gut, dachte er. Immerhin wusste er, wer er war. Ein Anfang. Er erinnerte sich an einen Film, in dem sich ein Mann nach einem schweren Verkehrsunfall an nichts mehr erinnern konnte, was mit dem Unfall zu tun hatte. Ein Verkehrsunfall, dachte er und lachte, hielt aber sogleich schmerzverzerrt inne. Er benötigte Kopfschmerztabletten. Sofort. Ein Blick auf seine Armbanduhr sagte ihm, dass es kurz nach zwei war. Beruhigend. Es war zu spät für das Zimmermädchen. Er stellte sich wieder ans Fenster, zuckte aber zurück, als jemand zu ihm hoch schaute. Jetzt nur nicht auffallen, dachte er. Er begann systematisch alle Schubladen und Schränke zu durchsuchen. Er fand nichts. Außer den fremden Kleidern gab es in dem Zimmer keine Hinweise. Auf seinem Handy waren keine Anrufe gespeichert, er selbst hatte in den letzten Tagen offenbar auch niemanden angerufen. Oder der Speicher war gelöscht worden. Genauso wie der Speicher in seinem Kopf.

Er setzte sich aufs Bett und kratzte sich am Hinterkopf. Er spürte die Beule und die Blutkruste. Gestürzt, dachte er, ich muss gestürzt sein. Aber wer hatte ihn aufs Bett gelegt? Er stand auf, setzte sich wieder, diesmal auf den Stuhl mit dem Jackett. Er versuchte in seinem Kopf zu sortieren, was er wusste. Er befand sich in Amsterdam. Wahrscheinlich in einem fremden Hotelzimmer. Vermutlich hatte er die Nacht hier verbracht. In einem Schrank hingen Herrenkleider, die nicht ihm gehörten. Er war Fredy Barmettler. Er schrieb an einem Buch über Menschen, die von UFOs entführt wurden. Und dann fiel es ihm wieder ein. Ein last minute - Flug nach Amsterdam. Er erinnerte sich daran, wie er durch die Stadt ging, den Grachten entlang. Oder waren das nur Erinnerungen an eine Reise, die bereits einige Jahre zurücklag? Der Flug kam ihm real vor, er glaubte sich in einem kleinen Flugzeug mit engen Sitzen zu sehen. Wie er sich auf seinem Taschencomputer Notizen gemacht hatte. Aber wo war sein Taschencomputer jetzt? Was war vergangene Nacht geschehen? War er einem Überfall zum Opfer gefallen? In einem fremden Hotelzimmer? Ihm fehlten einige Stunden. Mindestens. Er hielt sich die Hände an die Schläfen, versuchte sich zu konzentrieren. Doch es half nichts. Einen Moment lang dachte er, dass er sich vielleicht im Hotelzimmer geirrt hatte. Betrunken, froh, sich endlich auf ein Bett legen zu können. Aber noch während er dies in Erwägung zog, war ihm bereits klar, dass er nicht in diesem Hotel logierte. Der Name seines Hotels fiel ihm nicht ein, aber er war sich sicher, dass es anders heißen musste.

Er schwitzte, seine Kleider rochen unangenehm. Er stand auf und öffnete die Tür zum Badezimmer, drehte das Licht an und blieb erschrocken stehen. Im Bad war schon jemand. Er hatte bereits eine Entschuldigung auf den Lippen, als er den Mann ansah, der auf der geschlossenen Klosettschüssel saß, den Oberkörper ans Spülbecken gelehnt. Zwei Augen starrten ihn an. Er wusste sofort, dass der Mann tot war. Nur weg hier, dachte er, doch sein Körper blieb im Bad, sein Blick ruhte auf dem Gesicht des Toten. Er kannte den Mann, konnte sich aber nicht an seinen Namen erinnern. Als er das Klopfen an der Zimmertür hörte, begann sein Puls zu rasen und er glaubte zu spüren, wie das Blut in seinen Kopf schoss und wie die Schläfen anschwollen. Unfähig, sich zu bewegen, starrte er weiter auf die Leiche.

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