Stimmen der Nacht

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Ein einzelner Regentropfen benetzte seine Stirn.
Er blickte nach oben, sah die Sterne und wunderte sich, woher der Tropfen kam. Er wischte sich mit dem Handrücken übers Gesicht. Die Narben juckten, wie immer, wenn er nervös war. Doch die Stimmen in seinem Kopf waren verstummt. Jedes Mal, wenn dies geschah, wurde ihm heiß und kalt und er bekam Panikattacken und Herzflattern. Er nahm einen Schluck aus der kleinen Flasche Schnaps, die er immer bei sich trug, und schon Sekunden später fühlte er sich besser. Doch wenn die Stimmen zurückkehrten, half auch kein Alkohol. Die Stimmen ließen sich nicht besänftigen. Mit den Jahren entwickelte er eine gewisse Übung, um ihnen ein wenig Einhalt gebieten zu können.
Nachts aber, wenn er sich in seiner Wohnung oder einem anderen geschlossenen Raum aufhielt, wurden die Stimmen unerträglich. Nachts musste er auf die Straße, musste stundenlang spazieren gehen, sich bewegen wie eine Raubkatze. Nur so gelang es ihm, die Stimmen zu besänftigen und sie manchmal sogar ganz zum Verstummen zu bringen.

Alles hatte an jenem verhängnisvollen Freitag vor zwölf Jahren begonnen, als er bei einem Zugunglück in Holland schwere Verletzungen erlitt. Seither war sein Gesicht entstellt, hatten sich die Stimmen in seinem Kopf eingenistet. Zuerst glaubte er, dass sie den Opfern des Zugunglücks gehörten. Er stellte sich vor, dass sie beim Aufprall in seinen Kopf geflüchtet waren und danach nicht mehr zurückkehren konnten, weil die Körper, zu denen sie gehörten, nicht mehr da waren. Doch bei dem Unglück starben nur zwei Menschen: ein alter Mann und ein kleiner Junge. Und die Beschreibungen der Opfer passten nicht zu den Stimmen, die er hörte.
Seit dem Zugunglück lebte er von einer bescheidenen Invalidenrente. Die Psychologen schafften es nicht, die Stimmen zu vertreiben, und auch lange Aufenthalte in den Bergen und am Meer brachten keine Linderung. Die Stimmen begleiteten ihn wie Alltagssorgen andere Menschen.
Nur die Nacht befreite ihn manchmal für einige Stunden.

Er zog den Reißverschluss hoch, da der Wind kühler wurde und er sich auf seinen nächtlichen Touren durch die Stadt schon oft erkältet hatte. Er war längst ein geübter Spaziergänger geworden, er wusste, welche Straßen belebt waren, an welcher Ecke man sich verpflegen konnte, welche Gassen man meiden musste, um nicht Drogensüchtigen zu begegnen, deren feindselige Blicke er fürchtete.
Trotzdem ging er gerne in den Rotlichtbezirk, beobachtete das Treiben, stellte sich an eine Hausmauer und ließ sich von schönen Frauen ansprechen. Alle gaben sich Mühe, seine Narben zu übersehen, doch er ließ sich nicht überreden, solange nicht, bis sich herumgesprochen hatte, dass er kein Freier war. Seither begrüssten ihn einige Frauen wie einen alten Bekannten, gesellten sich zu ihm und rauchten eine Zigarette, ehe sie wieder ihrer Arbeit nachgingen. Die Frauen waren es auch, die ihm einen Spitznamen verpassten.
Sie nannten ihn den Lauscher, weil er durch die Straßen ging, um Stimmen einzufangen. Tatsächlich trug er ein Mikrophon mit sich, schmal und lang, ein Richtmikrophon, mit dem er Gespräche aus einiger Distanz belauschen konnte. Das Mikrophon war an ein kleines Tonbandgerät angeschlossen, das er in seiner Jackentasche versteckte. Die Kopfhörer waren in der Dunkelheit kaum zu sehen.

Der Lauscher ging an einem Imbissstand vorbei. Zwei Männer unterhielten sich. Doch erst als er an der nächsten Straßenecke stehenblieb und das Mikrophon auf die beiden richtete, konnte er das Gespräch mithören. Sie sprachen über einen Arbeitskollegen, machten Scherze. Der Lauscher ging weiter. Wer ihn sah und beobachtete, musste ihn für einen Voyeur halten, einen Mann, der sich an Stimmen aufgeilte. Doch ihm ging es nicht darum, intime Gespräche zu belauschen. Er war auf der Suche nach jenen Stimmen, die ihn tagsüber plagten.
Diese Stimmen, da war er sich jetzt sicher, gehörten lebenden Menschen. Er redete sich ein, dass er die Stimmen im Kopf nur loswerden konnte, wenn er ihnen begegnete, ja, sie zur Rede stellte, um von ihnen zu erfahren, weshalb sie ihn heimsuchten. Tagsüber waren sie in seinem Kopf, nachts aber verstummten sie regelmäßig, wenn er durch die Stadt ging. Zuerst dachte er, sie schliefen, doch dann fiel ihm auf, dass sich die Stimmen tagsüber für die Nacht verabredeten.

Kommst du auch heute Nacht? Selbe Zeit, selber Ort. Lass uns den Mond küssen. Lass uns die Sterne zählen. Die Dunkelheit ist unser Verbündeter.

Zweifellos wollten sie ihm etwas mitteilen, ihn hinauslocken in die Nacht, damit er ihnen endlich begegnen konnte. Unzählige Stimmen hatte er schon auf den Straßen vernommen, war den Menschen, denen sie gehörten, manchmal gefolgt wie ein Schatten, bis er resigniert stehenblieb, weil sich die Stimme nur als ähnlich herausstellte. Auch in dieser Nacht hatte er bereits eine Stimme belauscht, die ihn an eine in seinem Kopf erinnerte. Eine derbe Stimme, laut und dumm. Er glaubte, sie gehörte einem Taxifahrer. Einem Taxifahrer, der sich mit Kollegen unterhielt und über Verkehrsberuhigungsmassnahmen fluchte.

Der Lauscher stand am Eingang eines Sexkinos, das Mikrophon auf das Taxi auf der anderen Straßenseite gerichtet. Nach einigen Sekunden schüttelte er enttäuscht den Kopf. Nicht die Stimme war es, die ähnlich klang, es waren die Worte des Taxifahrers. Der Lauscher wollte eben gerade das Mikrophon abschalten, als er eine andere Stimme vernahm.
«Sind Sie noch frei?»
Wie elektrisiert starrte der Lauscher auf die Frau, das Mikrophon in seiner zitternden Hand suchte nach der Stimme. Die Frau stieg nicht sofort ein, fragte, ob sie mit Kreditkarte bezahlen könne. Die Antwort des Taxifahrers interessierte den Lauscher nicht mehr, nur noch die Stimme der Frau wollte er hören, immer und immer wieder, denn er war sich sicher, endlich einer der Stimmen aus seinem Kopf begegnet zu sein. Hastig verstaute er das Mikrophon in der Innentasche der Jacke, eilte über die Straße und stieg in ein anderes Taxi.
»Folgen Sie bitte dem Wagen«, sagte er.
Der Fahrer grinste und musterte den Lauscher im Rückspiegel, während er gleichzeitig aufs Gaspedal drückte.

Carla stand an der Ecke vor den Toiletten und nippte an einem Glas Prosecco. Die Bar war voll, der Zigarettenrauch brannte in den Augen und die Blicke der Männer waren ihr lästig. Einer fixierte sie, andere sahen ab und zu zu ihr hinüber, meist herausfordernd grinsend.
Carla versuchte, durch sie hindurchzuschauen, doch das gelang ihr nicht immer. Ein kurzgeschorener junger Mann mit dünnen Armen kam auf sie zu. Er hatte sich lachend aus einer Gruppe gelöst, neidische und spöttische Blicke folgten ihm. Als Carla ihn abblitzen ließ, schwoll das Gelächter in der Gruppe an, was den jungen Mann erst recht anstachelte. Er bestellte ein Glas Champagner für Carla. Doch sie winkte ab und gab dem Barkeeper zu verstehen, dass ihr nicht danach sei, eingeladen zu werden. Der junge Mann bestand auf der Bestellung. Carla wurde wütend, ging wortlos an ihm vorbei und verließ die Bar.

Draußen war es kühl.
Drei Männer und eine Frau standen herum und tranken Bier. Carla lehnte sich an die Hausmauer und holte das Handy aus der Handtasche. Es war eingeschaltet. Jürg hatte sich nicht gemeldet.
Scheiß Jürg, dachte sie. Scheißleben. Um ein Uhr stieg die Party, sie stand vor der Bar und wartete auf Jürg, den smarten Dealer. Koks für eine Nacht, zwölf Werbefritzen und Carla als Vermittlerin, die sich mit einem Schlag eine Wochenration verdienen konnte. Doch Jürg meldete sich nicht. Ihr wurde erst jetzt bewusst, dass es genauso war wie damals, als sie in ihn verknallt war. Sie trafen sich in dieser Bar, spät nachts, und Jürg erzählte ihr, dass er verheiratet und seine Frau Ärztin sei und Nachtschicht habe, während er sich mit Carla vergnüge.
Meine Spätschicht, so nannte er Carla manchmal, und sie kam sich ausgenutzt vor, sagte ihm aber nicht, wie sie sich fühlte, blieb bei ihm, wenn er Zeit hatte. Bis er ihr eines Nachts offenbarte, dass er gar nicht verheiratet sei, dass sein ganzes Leben aus Lügen bestehe und es ihm nichts ausmache, wenn Carla ihn deswegen verachtete. Doch Carla verachtete ihn nicht.
Jürg dealte mit Koks, und mit Koks wurde das Leben schneller. Und Carla mochte ein schnelles Leben. Doch ohne Koks und ohne Jürg stand sie vor der Bar herum, trostlos und verloren.

Ein Liebespaar blieb vor ihr stehen, die beiden küssten sich innig. Carla starrte auf die Zungen, die miteinander spielten, bis sie sich bei dem Anblick ekelte und sich abwenden musste. Sie stellte das Glas auf einen Mauervorsprung und ging. Als ihr Handy klingelte, erschrak sie zuerst, drückte dann nervös auf die Taste und war erleichtert, als sie Jürgs Stimme hörte.
«In einer halben Stunde beim Güterbahnhof». Jürg klang gereizt. Carla wollte wissen, warum er nicht in die Bar gekommen war.
«Keine Fragen jetzt. Hast du das Geld?»
Carla tastete instinktiv nach dem Umschlag, der in ihrer Tasche steckte. Jürg beendete das Gespräch ohne Abschiedsworte und Carla ging eilig zum Taxistand.
«Sind Sie noch frei?«
Der Taxifahrer nickte wortlos. Auch dann, als sie ihn fragte, ob sie mit der Kreditkarte bezahlen könne. Sie wollte keinen der Scheine aus dem Umschlag nehmen.
Sie stieg ein. «Zum Güterbahnhof.«
Der Taxifahrer hob die Augenbrauen ein wenig, als er losfuhr. Wahrscheinlich eine dieser Partys in einem der alten Lagerhäuser, dachte er. Im Rückspiegel nahm er wahr, dass ein Kollege ihm folgte.
Eine gute Nacht, dachte er.

Fredy zündete sich eine Zigarette an. Michelle trank Cider aus einer gelben Flasche. Sie hatten sich in der Lagerhalle getroffen, unten auf dem Dancefloor, zufällig, nachdem sie sich zwei Jahre lang nicht gesehen hatten. Michelle hatte geheiratet und war mit ihrem Mann nach Paris gezogen. Fredy hatte ihr nie gesagt, dass er sie liebte. Unsicher strich er mit der Hand über ihr Gesicht.
»Ich bin allein hier«, sagte Michelle und Fredy verlor sich in ihren Augen, warf die Zigarette weg und glaubte, die Sterne am Himmel mit den Händen fassen zu können.
Er suchte nach Worten, doch es fielen ihm nur Floskeln ein, derer er sich schämte und die dieser Nacht jegliche Magie nehmen würden. Michelle kam näher, ihr Körper schmiegte sich an seinen, er spürte ihre Arme auf dem Rücken. Wie gelähmt stand er da, sein Puls raste und er erschrak, als er bemerkte, dass sich Michelles Körper wie unter Krämpfen schüttelte. Michelle weinte und er wusste nicht, was er mit ihren Tränen anfangen sollte.
«Es tut mir leid», stammelte er.
Michelle schüttelte den Kopf und die Tränen leuchteten im Mondlicht. Jetzt erst begriff Fredy. Es waren Tränen der Freude, es war die Liebe, die beide traf wie eine heftige Erschütterung. Fredys Körper entspannte sich, jetzt war er es, der Michelle umarmte. Er hob seinen Kopf, schaute zum Himmel hoch und spürte einen leichten Schwindel, als er die Sterne sah.
Dumpf hämmerte die Musik, zu der getanzt wurde. Minuten verstrichen, ohne dass sich Fredy und Michelle von der Stelle rührten. Kein einziges Wort wurde gesagt, die Nacht war wie ein dunkles Tuch, unter das die Liebenden krochen. Doch dann zerriss ein Schrei es jäh, Scheinwerfer blitzten auf und eine Stimme schrie laut «Nein!», ehe ein Knall durch die Dunkelheit peitschte und die Liebenden wie ein Donnerschlag traf.
«Was ist da los?», fragte Michelle, doch noch während sie fragte, sah sie den leblosen Körper am Boden und eine Frau, die sich diesem Körper näherte.
Fredy versuchte Michelle zurückzuhalten, doch sie streifte seine Hand ab und ging auf die beiden zu. Fredy blieb einen Moment stehen, mit offenem Mund, dann folgte er ihr.

Der Lauscher stieg aus dem Taxi und schaute sich um. Die Frau war beim Güterbahnhof ausgestiegen, eine Gegend, die der Lauscher nicht kannte, weil sie nachts kaum belebt war.
Kein Ort, um nach Stimmen zu suchen. Und doch war es genau der richtige Ort.
Die Frau war nur wenige Meter von ihm entfernt, drehte ihm den Rücken zu. Sie rauchte und schien auf jemanden zu warten.
Ein seltsamer Ort für ein Rendezvous, dachte der Lauscher. Er stellte sich unter ein Wellblechdach neben geparkte Fahrräder. Es dauerte nicht lange, bis er das Mikrophon auf die Frau gerichtet hatte. Doch er hörte nur ein Rauschen und wünschte sich, dass die Frau Selbstgespräche führen möge, damit er noch einmal ihre Stimme hören konnte. Natürlich, er hätte sie ansprechen können, doch er wollte sie nicht erschrecken, denn er wusste, wie sein Gesicht nachts auf Fremde wirkte.
Mehrere Minuten vergingen. Der Lauscher sah ein Liebespaar, das vor einer der Lagerhallen stand, innig umschlungen. Er spürte die Sehnsucht, die sich seiner bemächtigte und die er abschüttelte, in dem er sich wieder der Frau zuwandte. Vielleicht auch eine Liebesgeschichte, dachte er.
Eine Melodie erklang. Und dann hörte er wieder ihre Stimme, und diesmal war er sich sicher: Es war eine der Stimmen aus seinem Kopf, und er war ihr schon einmal begegnet.
»Ich bin da«, sagte sie. »Wann kommst du?«
Ein anderer Mann, dachte der Lauscher und fragte sich, ob er es ertragen würde, wenn diese Stimme, die ihm so vertraut war, einem anderen Mann Liebesworte zuflüsterte. Der Lauscher hörte eine Wagentür, die zugeschlagen wurde, er hörte Schritte, wenn auch nur leise. Er suchte mit dem Mikrophon nach der Geräuschquelle.
Die Schritte wurden jetzt lauter, und er sah in der Dunkelheit einen Schatten, der sich der Frau näherte. Der Schatten gehörte einem Mann. Er war groß, in einen langen Mantel gehüllt. Er blieb stehen, war jetzt auf der Höhe des Lauschers.
Die Frau sprach immer noch in ihr Handy, sie sah den Mann nicht und sie sah auch nicht, wie die Hand des Mannes im Mantel verschwand und gleich darauf wieder auftauchte. Mit einer Pistole.
Der Lauscher traute seinen Augen nicht, doch es gab keinen Zweifel, der Mann richtete eine Waffe auf die Frau. Auf die Stimme in seinem Kopf. Der Lauscher zog den Mikrophonstecker aus dem Tonbandgerät, ließ das Mikrophon fallen, ehe er los rannte und sich zwischen den Mann und die Frau zu stellen versuchte. Er rief laut «Nein!» und hörte, wie die Frau aufschrie. Nicht wegen des Mannes, nein, sie schrie wegen ihm auf, glaubte, dass der Lauscher sie angreifen wollte.
Nur noch wenige Schritte trennten den Lauscher von der Frau, als ein Knall ihn bremste, ein heftiger Schlag in seinen Rücken ihn zu Boden warf. Er hörte Schritte, die sich eilig entfernten und er hörte die Frau, hörte ihre Stimme, die sich ihm näherte.

Carla wurde wütend, denn sie hasste es, wenn Jürg sie warten ließ. Alles, was er ihr am Telefon sagte, klang nach Ausflüchten, er erkundigte sich nach völlig unsinnigen Dingen, wollte wissen, was für eine Party es war, für die Carla den Stoff brauchte.
Irgendetwas stimmt nicht, überlegte sie, während sie sprach. Zuerst dachte sie, jemand sei ihr im Taxi gefolgt, doch als sie sich umsah, entdeckte sie nur ein Liebespaar. Die Nacht war voller Liebespaare und Carla fühlte sich schäbig, allein in dieser trostlosen Gegend, in der Hand eines Mannes, der ihr am Telefon Unsinn erzählte, statt endlich vorbeizukommen und den Deal über die Bühne zu bringen.
»Lebwohl, Carla«, sagte Jürg unvermittelt.
»Was soll das?«, fragte Carla und hörte Schritte und eine Männerstimme.
Sie drehte sich um. Also doch, jemand war ihr gefolgt, ein Mann, der auf sie zurannte, so schnell, dass sie wie angewurzelt stehen blieb, unfähig, etwas zu tun. In der einen Hand hielt sie das Handy, die andere streckte sie aus, dem Mann entgegen, als ein Knall alles veränderte und der Mann umfiel, als wäre er über etwas gestolpert. Doch er war nicht gestolpert. Carla sah, wie sich ein zweiter Mann umdrehte und wegrannte.
Stefan. Sie erkannte ihn sofort. Stefan, der Geschäftspartner und Freund von Jürg. Stefan, den sie beleidigt hatte, weil sie ihn abblitzen ließ, nachdem Jürg nicht mehr mit ihr ins Bett wollte.
»Das wirst du noch bereuen, Carla.«
Sie hatte ihn nicht ernst genommen, ihn, einen Möchtegern, einen Dummkopf, der Jürg nicht das Wasser reichen konnte. Stefans Schritte verhallten in der Dunkelheit. Der Mann am Boden krümmte sich, sie hörte ihn stöhnen und langsam ging sie auf ihn zu. Sie sah, dass das Liebespaar ebenfalls näher kam, die Frau zuerst, zielstrebig, der Mann nur zögernd.
Was soll ich tun, dachte Carla, als sie auf den Mann starrte und bemerkte, wie sich seine Jacke verfärbte. Blut, dachte Carla, er stirbt. Das Liebespaar stand jetzt neben ihr, die Frau riss ihr das Handy aus der Hand und versuchte eine Nummer zu wählen. Polizei.
Carla fiel der Umschlag in ihrer Tasche ein. Ich muss weg hier, dachte sie.
Der junge Mann kauerte neben dem Verletzten, versuchte ihm zu helfen, sprach auf ihn ein.
»Bitte nicht«, sagte der Verletzte.
»Er soll sich möglichst nicht bewegen«, sagte Carla und staunte über die Ruhe, die in ihrer Stimme lag. Sie sah, wie der Verletzte lächelte.

Der Lauscher lag am Boden. Ihm war kalt. Der Schmerz in seinem Rücken war so stark, dass er sich wand und drehte und versuchte, eine Lage zu finden, die ihm erträglich war. Jemand hatte auf ihn geschossen, eine Kugel steckte in seinem Körper und er war sich bewusst, dass er in Lebensgefahr schwebte.
Doch die Frau würde ihm helfen. Er sah, wie sie auf ihn zukam. Sie war nicht allein, da waren auch noch eine andere Frau und ein junger Mann. Das Liebespaar, dachte er. Der Lauscher hörte Stimmen. Es waren die Stimmen in seinem Kopf. Sie waren zurückgekehrt.
»Bitte nicht«, sagte er.
Er sah in das Gesicht des jungen Mannes, sah, wie sich dessen Lippen bewegten, bemerkte, wie die Bewegungen dieser Lippen zu der Stimme passten, die er in seinem Kopf hörte. Jetzt sagten auch die beiden Frauen etwas. Der Lauscher lächelte. Er erkannte die Stimme der jungen Frau. Alle drei waren Stimmen aus seinem Kopf, Stimmen, denen er in dieser Nacht begegnet war. Der Schmerz ließ nach, dafür wurde es kälter. Er fröstelte und glaubte zu spüren, wie das Blut aus seinem Körper wich.
Sie werden mich retten, dachte er, meine Stimmen werden mich retten.
»Er stirbt«, sagte der junge Mann leise zu seiner Freundin.
Ich sterbe nicht, dachte der Lauscher und lächelte, als es Nacht in seinem Kopf wurde.

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