Der Mann am Gartenzaun

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Prolog
Obwohl sie nur ein dünnes Baumwollkleid trug, fror sie nicht. Es war angenehm kühl, nach dem warmen überraschend heißen Tag mit einer Sonne, die tagsüber den Asphalt tanzen ließ wie eine Fata Morgana. Sie ging langsam die Straßen entlang. Es war still, nur die Grillen waren zu hören und weit entfernt ein Hund. Sie war schon seit einer halben Stunde unterwegs. Das Fest bei Ronny war besser geworden, als sie zuerst befürchtet hatte. Kein Kampfsaufen der Jungs, die sich gerne aufspielten und literweise Bier und Wodka tranken, bis die einen umfielen und einschliefen, und die anderen über die Mädchen herfielen. Ihre Freundin Jenny hatte bei einem solchen Fest ihre Unschuld verloren. Und wusste danach nicht einmal mehr genau, welcher der Jungs mit ihr geschlafen hatte. Vielleicht war es auch mehr als einer gewesen. Hauptsache ich bin nicht schwanger und kriege auch kein Aids, hatte Jenny gesagt. Das konnte sie nicht verstehen. Sie hätte schon mit vielen Jungs schlafen können, aber sie wollte warten, bis alles stimmte. In dieser Nacht hätte fast alles gestimmt. Aber Christian war nicht da. Und deshalb stimmte es überhaupt nicht. Christian war ihre große Liebe. Doch das wusste außer ihr niemand. Nicht einmal Jenny und der hatte sie bis jetzt immer alles anvertraut. Aber irgendwie waren sie sich fremd geworden in letzter Zeit. Jenny, so schien es ihr, konnte nicht genug kriegen von den Jungs, seit jener Nacht, als es zum ersten Mal passierte. Sie machte die Jungs richtiggehend an. Wie eine Schlampe. Manchmal wenigstens. Vielleicht aber war es auch nur ein Spiel und Jenny schlief gar nicht mit allen Jungs. Tat nur so. Spielte mit ihnen. Und die spielten gerne mit. Es gab Tage an denen wünschte sie sich so zu sein wie Jenny. Sorglos irgendwie. Nicht immer unsicher. Aber eigentlich war es nicht das, was sie am Meisten störte. Es war dieses ständige Auf und Ab. Es konnte sein, dass sie sich am Morgen toll fand, wunderschön und mit allem zufrieden. Und schon am Nachmittag fühlte sie sich hässlich und nutzlos. Und abends hatte sie oft Angst, einfach so, ohne Grund. Dabei fürchtete sie sich nicht. Auch jetzt nicht, da sie allein die Straße entlang ging. Furcht kannte sie nicht, nur diese Angst, die keinen richtigen Namen hatte. Ihre Mutter fürchtete sich ständig. Vor Spinnen, vor Gewittern, vor den Nachbarn. Wie konnte eine solch ängstliche Frau überhaupt ein Kind groß ziehen? Doch das war es nicht, was ihr jetzt durch den Kopf ging. Sie dachte an Christian. Der Junge, der sie bis jetzt kaum beachtet hatte und den sie so sehr liebte. Zumindest schwärmte sie für ihn. Und der Bauch wurde ganz warm, wenn sie an ihn dachte. Aber sie dachte auch an Samuel. Der ihr immer nachschaute wie ein kleiner Hund. Ihr auf Schritt und Tritt folgte. Ihr heimlich Liebesbriefe schrieb. Ohne Absender. Aber sie wusste, dass sie von ihm stammten. Er machte sich Hoffnungen. Seit über einem Jahr schon. Dabei hatte sie ihm schon mehrmals klar gemacht, dass das nichts würde zwischen ihnen. Es funkte einfach nicht. Vielleicht auch, weil er ihr derart nachstellte. Ihr damit auf die Nerven ging. Mächtig sogar. Samuel war auch der Grund, weshalb sie jetzt alleine unterwegs war. Einfach weggelaufen war sie. Als er kurz auf der Toilette verschwand. Sie wollte nicht mit ihm zurückfahren. Auf seinem Roller. Ihn umklammern. Und danach wieder die Endlosschleife, die fast jeden Abend die gleiche war.

Warum nicht? Darum. Was mache ich falsch? Nichts. Dann komm doch mit zu mir. Nein. Komm doch. Lass mich. Du könntest es wenigstens versuchen. Das geht nicht. Nur einmal. Nein. Ein Kuss nur. Nein. Zum Abschied, nur ein kleiner Kuss. Nein. Bitte. Lass das. Sehen wir uns Morgen?
Immer ging es so. Seit Wochen. Seit Monaten. Einmal hatte sie ihm gesagt, dass sie einen anderen liebe. Wen, hatte er gefragt und war völlig ausgerastet.
Sie blieb einen Moment stehen. Der Wind schien mit jeder Minute kühler zu werden. Jemand hatte gesagt, dass das ein typischer Altweibersommer war. Sie hatte keine Ahnung was es bedeutete, fand die Umschreibung aber komisch und lachte kurz in die dunkle Nacht hinein. Der Sommer war nicht ihre Lieblingsjahreszeit. Sie mochte die Hitze nicht. Ihre Haut war viel zu hell für ein Sonnenbad. Und immer im Schatten zu sitzen war langweilig. Deshalb hatte sie sich schon zweimal verbrannt. Und danach tagelang den Körper abgesucht nach Stellen, die verdächtig aussahen. Auch wenn es idiotisch war. Hautkrebs kriegte man erst viel später. Aber ihre Mutter litt seit vielen Jahren an eingebildeten Krankheiten. Fast jede Woche eine andere. Sie dachte immer, dass sie das wahrscheinlich auch geerbt hatte. Und es eines Tages ausbrechen würde. Wie eine Krankheit. Eigentlich ist meine Mutter eine einzige Krankheit, dachte sie. Und wünschte sich, mit Christian abzuhauen. Nach Schweden. Irgendwohin, wo es kühler war und trotzdem schön.

Kein Wagen. Seit einer halben Stunde kein Wagen. Das war ungewöhnlich. Normalerweise dauerte es höchstens eine Viertelstunde bis jemand anhielt und sie mitnahm. Kein Problem damit. Sie hatte erst einmal schlechte Erfahrungen gemacht. Ein Mann, der sie befummelte. Sie hatte ihm eine Zigarette auf dem Handrücken ausgedrückt. Das reichte. Noch drei, dachte sie. Eine jetzt und die beiden letzten zu Hause. Sie zündete die Zigarette an und sog am Filter bis sie die Glut gut sehen konnte. Wie Glühwürmchen. Das hatte sie immer gemocht. Brennende Zigaretten in der Nacht. Wahrscheinlich hatte sie nur deshalb mit dem Rauchen angefangen. Und natürlich weil Jenny rauchte. Sie hatte sich schon überlegt, ob sie nicht Jenny bitten solle, mit Samuel ins Bett zu steigen. Wenn sie es doch gerne machte. Was spielte es da für eine Rolle, wie der Junge aussah? Und Samuel sah nicht einmal schlecht aus. Besser als viele andere, die ihr schöne Augen machten. Aber eben. Jenny schien eine Vorliebe für die lauten Jungs zu haben. Und Samuel war ein leiser. Immerhin. Das mochte sie an ihm. Auch Christian war ein leiser Junge. Und Christian war Christian. Sie sah die Scheinwerfer eines Wagens, der sich mit hohem Tempo zu nähern schien. Falsche Richtung. Aber sie wusste, dass das nichts zu bedeuten hatte. Vielleicht hielt er trotzdem an. Bot ihr an, sie nach Hause zu fahren. Aber das würde sie ablehnen. Wenn einer eigentlich in die andere Richtung wollte, stieg sie nicht zu ihm ins Auto. Weil das ein zu großer Gefallen war. Einer, den er später einfordern konnte. Sie glaubte die Männer zu kennen. Sie glaubte das Leben zu kennen. Was auf sie zukommen würde. Manchmal wenigstens. Sie schaute den Fahrer an, als der Wagen vorbeibrauste. Viel zu schnell. Vorne zwei Jungs, hinten zwei Girls. Einmal fuhr einer zu schnell, der sie mitgenommen hatte. Verpasste eine Kurve, flog raus in eine Wiese. Es rumpelte und krachte. Aber es geschah nichts. Kein Baum weit und breit. Es gelang ihnen sogar, den Wagen wieder auf die Straße zu bringen. Erschrocken war sie schon, aber auch erstaunt darüber, dass nichts passiert war. Offenbar hatte sie einen guten Schutzengel. Sie stellte sich oft ihren Großvater als Schutzengel vor. Gestorben, als sie noch klein war. Krebs im Kopf. Vielleicht war das der Grund, weshalb ihre Mutter derart besessen war von Krankheiten die sie sich einbildete. Alles hat seinen Grund. Diesen Satz hatte sie von der Großmutter gelernt. Was auch immer geschieht, sagte sie gerne, alles hat einen Grund. Denke daran. Sie wusste nicht, ob das stimmte, aber ihre Großmutter war jetzt schon so alt, dass etwas dran sein musste. Christians Augen, die manchmal so unruhig flackerten. Als wollten sie sagen, komm, lass uns weggehen, weit weg. Alles hat einen Grund. Auch weshalb sie Jenny nichts über Christian erzählte. Sie wollte nicht, dass Jenny plötzlich auf dumme Gedanken kam. Sie blieb stehen und wunderte sich über das alte Sofa, das jemand offenbar einfach rausgestellt hatte. Einfach so, neben einen Kandelaber. Es sah so aus, als würde es schon eine Zeit lang dort stehen. Einen plötzlichen Impuls folgend setzte sie sich hin. Die Federung war weich. Es war ein seltsames Gefühl, aber irgendwie überwältigend. Wie nach einem Joint. Mitten in der Nacht auf einer leeren Landstraße. Auf einem Sofa sitzen und rauchen. Die Zweitletzte. Schade, dass die Batterien ihres Walkmans den Geist aufgegeben hatten. Sie rauchte die Zigarette auf dem Sofa zu Ende. Fühlte sich gut. Dachte an Christian. Und sah den Wagen, der sich langsam näherte. Die Richtung stimmte. Gut, dachte sie, stand auf und ging zum Straßenrand. Winkte. Ein Mann. Allein. Sie erkannte ihn. Einer, der in der Gegend lebte. Keine Gefahr, dachte sie. Er lächelte. Sie stieg ein. Hinten. Ihm schien es egal zu sein. Zigarette? Sie lächelte und nahm eine an. Es war nicht ihre Marke, aber das störte sie jetzt nicht. In einer Viertelstunde würde sie zu Hause sein. Der Mann fuhr los. Sie öffnete das Seitenfenster und genoss die kühle Zugluft. Sie sah nicht, wie der Fahrer sie im Rückspiegel musterte. Und wie er lächelte. Zufrieden. Als hätte er gefunden, wonach er gesucht hatte.

1.
Um die Mittagszeit war die Hitze kaum erträglich. Die Klimaanlage im Wagen hatte ihren Geist vor zwei Jahren aufgegeben, seither fuhr er im Sommer mit offenem Fenster. Im Stau half das wenig. Die Sonne brannte auf das Autodach und er fühlte sich wie in einem Schmortopf. Vor ihm hupte ein Deutscher. Sein bleicher linker Arm baumelte aus dem Wagen und Fischer sah, wie er immer wieder heftig den Kopf schüttelte. Ungewöhnlich war es schon, dass sich die Wagen um diese Zeit vor dem Tunnel stauten. Ein Unfall vielleicht, oder ein Lastwagen, dem die Hitze nicht bekommen war. Fischer kurbelte auch das Beifahrerfenster nach unten. Die Automatik hatte nie funktioniert. Er hatte den Wagen praktisch geschenkt gekriegt, da gab es nichts zu meckern. Der Wagen fuhr und was wollte er mehr? Im Rückspiegel sah er einen gelben Sportwagen. Am Lenkrad ein Typ, der keine zwanzig war. Mit lächerlich großer Sonnenbrille und einer Frisur, die für Fischer aussah wie eine Verstümmelung. Ich verstehe diese Jungen nicht, dachte er, gleichzeitig amüsiert, weil der Typ hinter ihm möglicherweise einer seiner Kunden sein würde. Endlich ging es wieder voran. Langsam, aber immerhin. Weiter vorne sah Fischer den alten Peugeot, der den Stau verursacht hatte. Ein Mann mit langen dunklen Haaren stand hinter dem Wagen und gestikulierte, während er in ein Handy sprach. Schweiß rann Fischer von der Oberlippe. Er leckte ihn ab und fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund. Fast einen Monat hatten die Verhandlungen mit der Bank gedauert, bis er die Kreditzusage erhalten hatte. Ein kleines Vermögen, für das er die Bürgschaft seines Vaters benötigt hatte. Es musste klappen. Jetzt oder nie, dachte er. Er wusste, dass sich vor ihm schon andere um die alte Fabrik und das angrenzende Grundstück bemüht hatten. Sie alle waren daran gescheitert, dass die ehemalige Graphitfabrik heute einem deutschen Firmenkonglomerat gehörte, das lange Zeit nicht wusste, was sie mit dem Grundstück in Zürich anfangen sollten. Anfang des Jahres aber wurde entschieden, dass dort gebaut wird. Aber frühestens in zwei Jahren. Fischer hatte es von seinem Vater erfahren, der Kontakte zu der deutschen Mutterfirma hatte. Fischer war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort und er hatte die richtige Idee. Ein Club, größer als alle anderen in Zürich. Ideal gelegen. Keine Nachbarn, die sich beschweren konnten, genügend Parkplatzmöglichkeiten auf dem Areal und die Autobahn in den Aargau ganz in der Nähe. Das war wichtig. Denn am Wochenende kam der halbe Kanton Aargau nach Zürich, um Geld auszugeben. Zusammen mit einem Kumpel, der Betriebsökonomie studierte, hatte er einen Businessplan erstellt. Ich habe eine Goldader entdeckt, dachte Fischer.

Als er in den schmalen Weg einbog, der auf das Fabrikgelände führte, trommelte Fischer voller Freude auf das Lenkrad. Die beiden anderen waren schon da. Moritz, der Bodybuilder und Kuno, der Betriebsökonom. Er würde die beiden beteiligen, aber so, dass er die Kontrolle behielt und auch am meisten Geld abkassieren konnte. Sein Vater hatte ihm dazu geraten, möglichst unabhängig zu bleiben. Gerade begeistert war er nicht gewesen, als Fischer ihm das erste Mal das Fabrikgelände gezeigt hatte. Völlig zerfallen sah alles aus, und es standen Berge von Sperrmüll herum. Doch als Fischer ihm demonstrierte, dass Strom und Wasser funktionierte und ihm auch erklärte, dass die Baupolizei keine besonderen Auflagen gemacht hatte, willigte er schließlich ein, die Bürgschaft zu übernehmen. Als Fischer den Wagen parkte und ausstieg, fühlte er sich beinahe wie ein Großgrundbesitzer. Und irgendwie war er das ja auch. Für zwei Jahre. Und eigentlich nicht richtig, aber wen kümmerte das schon? Sie hatten bereits riesige Mengen an Müll entsorgt und eine der Hallen war leergefegt, und sah aus wie eine riesige leere Konzerthalle.

»Alles klar?«, fragte Moritz, so wie er immer fragte, ohne dass er eine Antwort erwartete.
»Unglaublich, diese Hitze«, sagte Kuno, der ein graues Shirt trug, unter dem sich die Muskeln spannten.
»Es soll bis zu 35 Grad heiß werden«, sagte Fischer und reichte den anderen beiden die Arbeitshandschuhe, die er in seiner Tasche mitgebracht hatte.
»Bier?«, fragte Moritz und zeigte auf einen Kasten, der in einer Ecke stand und in dem große Eisstücke lagen.
Fischer nickte und die drei öffneten sich je eine Bierflasche. Sie tranken schweigend in der leeren Halle.
»Bis zu 2000 können hier rein«, sagte Kuno und zeigte in die Halle.
»Vergiss es«, sagte Moritz. »Ingesamt vielleicht, auf dem gesamten Gelände, aber wenn hier in dieser Halle mehr als 1000 drin sind, wird es ungemütlich.«
»Tausend würden genügen«, sagte Fischer.
»Was ist mit dem Kino?«, fragte Kuno.
»Das hat keine Priorität. Zuerst wird der Club eingerichtet. Der Sound, die Klimaanlage, sanitäre Installationen. Die Leute wollen heute verwöhnt werden. Alles muss erste Qualität sein. Auch die Klos.«
»Und wann wird eingerichtet?«, fragte Moritz.
»Wenn die letzte Bewilligung und Auflage unterschrieben auf meinem Schreibtisch liegt.«
»Auf Fischer und auf uns«, sagte Kuno und nahm den letzten großen Schluck aus seiner Flasche.
»Auf Peter. Es war schließlich seine Idee.«
Fischer fand es seltsam von Moritz mit seinem Vornamen angesprochen zu werden. Niemand sprach ihn mit seinem Vornamen an. Seit vielen Jahren schon.
»Willst du den Steinhaufen wirklich weghaben?«, fragte Kuno, als er die leere Flasche in den Kasten zurückgestellt hatte. Fischer nickte. Moritz stellte seine halbvolle Flasche auf einen Mauervorsprung.
»Na dann los«, sagte er und zog sich die Arbeitshandschuhe über.

Fischer nahm seine Flasche mit zu dem großen Steinhaufen, der hinter dem Hauptgebäude der alten Fabrik aufgeschichtet war. Niemand wusste, wozu dieser Steinhaufen gedient hatte und niemand wusste, wie lange er schon da war. Vielleicht hatten Kinder versucht einen Turm zu bauen, der dann eingestürzt war. Sie standen zu dritt einen Moment ratlos vor dem Haufen, der so hoch war, dass Fischer nicht darüber hinwegsehen konnte. Moritz, der einen Kopf größer war, reckte seinen Hals, während Kuno damit begann, erste Steine in den Handwagen zu legen. Weil sie wegen eines alten Metalltores, das sich nicht öffnen ließ, nicht bis zu dem Steinhaufen vorfahren konnten, blieb ihnen nichts anderes übrig, als die Steine zum Wagen zu transportieren. Kuno hatte ihn besorgt, ein alter verbeulter Lieferwagen, der einst einer Gärtnerei gehört hatte, und der sich gut für den Transport der Steine eignete. Kuno hatte auch einen Abnehmer für die Steine gefunden. Nur abholen wollte sie niemand, was auch nicht weiter erstaunlich war.

»Wir sollten die Arbeit aufteilen«, sagte Moritz. Fischer nickte und sagte ihm, dass er beim Lieferwagen warten solle um dann dort die Steine aus einem der beiden Handwagen zu übernehmen.
»Wie lange kannst du bleiben?«, fragte Fischer Kuno.
»Bis um zwei«, sagte dieser, ohne mit der Arbeit inne zu halten.
»Gut«, sagte Fischer. Er hoffte, dass sie bis um zwei eine oder zwei Ladungen schaffen konnten.
»So müssen sich Zwangsarbeiter gefühlt haben«, sagte Moritz, als er den vollen Schubkarren in die Hände nahm und wegging. Es war so heiß, dass der Steinhaufen in der Sonne flimmerte. Wie glühende Lava, dachte Fischer. Er war auf den Haufen gestiegen und hatte damit begonnen, Steine nach unten auf den Boden zu werfen. Einige der Steine waren so groß, dass er sie mit beiden Händen anheben musste. Der Schweiß rann ihm in kleinen Bächen den Körper entlang und sein Rücken schmerzte schon nach einer halben Stunde. Neidisch sah er auf Kuno, der unverdrossen Stein um Stein hob und in die Schubkarre legte. Sein Atem schien nicht schneller zu gehen, auch schien er weniger zu schwitzen als Fischer und Moritz. Dieser hatte auch seine Mühe und machte immer längere Pausen, wenn er mit einer leeren Schubkarre zurückkam. Zwischendurch hockte er im Schatten und drückte seinen Rücken durch.
»Ist der Wagen schon voll?«, fragte Kuno lächelnd.
Moritz schüttelte den Kopf.
»Wie schwer darf man den überhaupt belasten?«, fragte Fischer. Kuno schaute ihn an, als ob er nicht sicher sei, dass die Frage ernst gemeint war.
»Es ist nicht weit und du musst langsam fahren. Alles andere ist kein Problem.«

Nach einer Stunde machten sie eine Pause und tranken Bier. Moritz packte Sandwichs aus und sie aßen gierig wie selten. Fischer gefiel es. Das waren die Momente, die man nie vergisst im Leben, dachte er. »Schon seltsam«, sagte Moritz und ließ seinen Blick über das Gelände wandern. »Keine Steine weit und breit. Es ist, als habe die jemand hierher geschleppt.«
»Oder sie zusammengesucht«, sagte Kuno kauend.
»Möglicherweise zerstören wir hier ein Lebenswerk. Vielleicht sogar ein Kunstwerk.«
Sie lachten über Fischers Vergleich.
»Vamos«, sagte Moritz schließlich. »Noch vier bis fünf Schubkarren, dann fahre ich los.«
Sie machten sich erneut ans Werk. Langsamer, aber weiterhin voller Eifer und jener Freude, die bei einer solchen Tätigkeit nur Menschen verspüren konnten, die normalerweise nur wenig oder gar nicht körperlich arbeiteten. Fischer stand wieder auf dem Steinhaufen, die Müdigkeit machte ihn unachtsam und so kam es, dass er ausrutschte und damit eine kleine Steinlawine auslöste, die neben Kuno auf den Boden prasselte.
»Pass doch auf«, sagte Kuno, ohne aber zur Seite zu weichen.
Fischer hob beschwichtigend die Arme und rieb sich den Ellbogen, mit dem er aufgeschlagen war.

»Warte mal«, sagte Kuno plötzlich.
»Da ist etwas«, sagte er und zeigte auf etwas, das er neben Fischers Fuß entdeckt hatte. Fischer schaute nach unten. Er sah einen Knochen. Zuerst nahm er ihn mit einer gewissen Belustigung war. Doch als er sah, dass sich Kuno mit ernster Miene und beinahe ehrfürchtig der Stelle näherte, blieb er wie angewurzelt stehen.
»Da ist noch mehr«, sagte Kuno und nahm einen großen Stein weg. Jetzt sah auch Fischer, dass zu dem kleinen Knochen andere, größere Knochen gehörten.
»Ist was?«, fragte Moritz, als er die beiden anderen sah.
»Da liegt ein Skelett«, sagte Fischer und versuchte vom Steinhaufen runterzuklettern, ohne dabei mit den Knochen in Berührung zu kommen.
»Ein Hund?«, fragte Moritz, ohne näher zu kommen.
»Ein Mensch«, sagte Kuno leise. »Wir haben ein menschliches Skelett gefunden.«
Moritz kam langsam näher und Fischer stellte sich neben Kuno. Schließlich starrten sie zu dritt auf den Fund. Fischer wischte sich mit dem Handschuh den Schweiß von der Stirn, während Kuno vorsichtig weitere Steine entfernte, bis schließlich der Schädel zum Vorschein kam.

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